Besuch in der Segelflugzeugbau-Werkstatt des Flugsportvereins Vaihingen/Enz

Traum vom Fliegen

Nicht erst seit Otto Lilienthal versucht die Menschheit, sich mittels allerlei selbst gebauter Fluggeräte eigenständig in die Lüfte zu erheben. Auch Dieter Kemler hatte zeit seines Lebens diesen Traum. Zusammen mit seinen Fliegerkollegen baute er ein kunstflugtaugliches Segelflugzeug aus Holz.

Autor: BM-Redakteur Heinz Fink

Lautlos und elegant gleitet er mit weit gespannten Schwingen dahin, um im nächsten Moment einen Flügel zu heben und trudelnd in einen spiralförmigen Sturzflug überzugehen, dem weich abgefangen ein spektakulärer Looping folgt. Die Rede ist nicht etwa von Schwalben oder Mauerseglern, die in halsbrecherischen Flugmanövern ihre Bahnen am abendlichen Himmel ziehen, sondern vom Habicht. Doch auch hier ist nicht der in unseren Breiten häufig anzutreffende Greifvogel gemeint, sondern der in den 1930er-Jahren vom Flugzeugkonstrukteur Hans Jacobs entwickelte DFS Habicht, ein voll kunstflugtaugliches Segelflugzeug. Vier Exemplare des in Holzbauweise konstruierten Habichts wurden rechtzeitig zur Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 fertiggestellt und begeisterten damals bei Kunstflugvorführungen über und teilweise sogar im Olympiastadion von Berlin Zuschauer aus aller Welt.

Lange währende Flugbegeisterung

Auch Dieter Kemler hat es der Habicht angetan. Schon als Jugendlicher war der 58-jährige, selbstständige Maschinenbauingenieur begeisterter Modellflugzeugbauer und ist seit 30 Jahren aktiver Segelflieger. Zusammen mit Vereinskollegen ist er für den Erhalt und die Reparatur der Flugzeuge des Flugsportvereins Vaihingen/Enz verantwortlich.

Im Jahr 2004 erhielten die Vaihinger Flieger Nachricht vom Luftfahrtbundesamt: Ein auch im Verein genutzter Flugzeugtyp wurde aufgrund konstruktiver Mängel allgemein für den Kunstflug gesperrt. Was tun? Ein kostspieliger Umbau kam nicht infrage, eine Neuanschaffung war nicht zu finanzieren – also, warum nicht selbst ein Segelflugzeug bauen? Aus Holz und kunstflugtauglich sollte es sein. Die Wahl fiel auf den DFS Habicht, von dem es weltweit nur noch ein Original im Luftfahrtmuseum in Paris gibt, denn nach 1945 wurden alle noch existierenden Flugzeuge als Kriegsgerät deklariert und zerstört. Lediglich zwei weitere Nachbauten des Segelflugzeuges gibt es, einer davon im Besitz des Segelflugmuseums Wasserkuppe/Rhön. Von dort konnten auch Kopien der Originalpläne, bestehend aus mehr als 400 Detailzeichnungen, erworben werden. Doch erst nach Besichtigung der gut ausgestatteten Holz- und Metallwerkstatt des Flugsportvereins und einem Antrag Dieter Kemlers, dass die Werkstatt nicht als luftfahrtechnischer Betrieb geführt wird, konnte es mit dem Bau des Habichts losgehen.

Filigranes Leichtgewicht

Der Rumpf des Flugzeuges besteht aus einer Abfolge von ovalen Spanten, welche über längs verlaufende Gurte verbunden sind. Für alle Teile, die dem Flugzeug Stabilität geben, kommt ausschließlich astfreies, fein gewachsenes Kiefernholz zum Einsatz. Die etwa 5 mm starken Leisten werden gewässert, um eine Schablone gebogen und nach dem Trocknen in mehreren Schichten mit einem speziellen, wasserfesten 2-Komponenten-Leim verleimt. Alle Längsstöße werden dabei aufwendig angeschäftet, das heißt schräg angeschnitten und verleimt.

Zusätzliche Leisten dienen der diagonalen Aussteifung der Spanten, wobei die stumpfen Stöße hier mit eingeleimten Massivholzklötzchen aus Linde und aufgesetzten Plättchen aus Sperrholz verstärkt werden. Durch die Beplankung mit dünnem, mehrschichtigem Fliegersperrholz erhält der Rumpf schließlich seine Stabilität. Außen besteht diese aus 1,5 mm starkem, innen – der besseren Biegbarkeit wegen – aus 1 mm starkem Sperrholz.

Verwindungsstabile Schwingen

In ähnlicher Weise sind die leicht geknickten Flügel des Habichts konstruiert. Ein über die gesamte Länge laufender, kastenförmiger, hohler Trägerholm bildet hier das Rückgrat des Flügels, daran angedockte Spanten formen wiederum das Flügelprofil aus. Zahlreiche Diagonalaussteifungen geben der fachwerkartigen Konstruktion die notwendige Stabilität, um die auftretenden Kräfte beim Flug aufzunehmen. Aus diesem Grund ist die vordere Kontur der Flügel auch mit 3 mm starkem Sperrholz belegt. Dessen Faserrichtung verläuft diagonal, um den Flügeln eine hohe Drehfestigkeit zu verleihen. Das Sperrholz wurde hierfür wiederum gewässert, über die Spanten gespannt und nach dem Trocknen aufgeleimt.

Holz, Metall und Textil

Eine besondere Bedeutung kommt der Befestigung der Flügel am Rumpf zu, müssen diese doch zum Transport des Segelflugzeuges abgenommen werden können. Über speziell angefertigte Metallteile werden die beiden Flügel im Inneren des Rumpfes mittels zweier kräftiger Bolzen verbunden und durch Splinte gesichert. Zur Herstellung der Metallbeschläge fertigte Dieter Kemler auf Basis der originalen Lichtpausen exakte CAD-Zeichnungen an. Alle Metallteile, wie Schleppkupplung, Halterung der Tragflächen und des Höhenruders am Rumpf, Halter für Seilumlenkrollen für die Steuerung, Scharniere für die Querruder, das Seiten- und das Höhenruder, wurden aus heute zugelassenen Werkstoffen gefertigt und anschließend nach Prüfung vom Luftfahrtbundesamt freigegeben.

Zur Gewichtsersparnis – das gesamte Flugzeug wiegt leer lediglich 240 kg – wurden die Tragflächen mit Stoff bespannt. Ein spezieller Spannlack, wie er auch im Modellbau verwendet wird, strafft und härtet die Hülle. Zum Abschluss erhielt der Habicht eine weiße Lackierung aus 2-Komponentenlack und seine charakteristische Zeichnung in gelben Streifen.

Nach einer Planung und Bauzeit von mehr als sieben Jahren, viel Gehirnschmalz, Schweiß und einem Materialeinsatz im fünfstelligen Eurobereich konnten Dieter Kemler und seine Flugkollegen den DFS Habicht mit der offiziellen Kennnummer D-6868 im Jahr 2013 zum Jungfernflug aufsteigen lassen. Schon im darauffolgenden Jahr kam es zu einem spektakulären Treffen: Im niedersächsischen Bückeburg konnten die Gäste der örtlichen Luft-Sport-Tage die einzigen drei DFS Habichte in Blau, Gelb und Rot am Himmel ihre Kreise ziehen sehen.

www.fsv-vaihingen.de