Tischlermeister Jan Nies – der Erfinder von Dauerholz

Was Wachs kann

Der Hamburger Tischlermeister Jan Nies hat ein Verfahren zum dauerhaften Imprägnieren von heimischen Holzarten entdeckt und die Dauerholz AG gegründet. Bevor das Material marktreif war, gingen jedoch einige Jahre und unzählige Stunden des Experimentierens ins Land.

Autor: Annkathrin Johannesberg
Umweltverträgliches und unverwüstliches Holz aus heimischen Baumarten – davon träumt Jan Nies, als er sich mit Schwammsanierungen in feuchten Wohnungen und an Bootsstegen herumschlägt. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er nicht, dass er selbst einmal mithilfe des Zufalls die Lösung für das Problem entdecken soll. Dieser Zufall kommt in Geschenkpapier gewickelt vom anderen Ende der Welt – aus Mexiko. Das war im Jahr 1998.

Ein Holzteller bringt den Stein ins Rollen
Die Mexikaner feiern alljährlich ein Lichterfest. Dann schicken sie Holzteller mit brennenden Kerzen auf das Meer hinaus. Einen solchen Teller bringen Freunde Nies aus dem Urlaub mit. Als er erste Wachsflecken aufweist, steckt der Tischler ihn kurzerhand in den Geschirrspüler. Doch der Teller übersteht die Reinigung natürlich nicht. Das Holz ist angegriffen – gibt aber eine kleine Sensation frei: Das Wachs hat dem heißen Wasser des Spülgangs getrotzt und das Holz an diesen Stellen vor eindringender Feuchtigkeit geschützt. Plötzlich ist der Holzprofi hellwach: „Mir war sofort klar, dass sich mir hier eine Möglichkeit offenbarte, Holz auf ökologisch verträgliche Weise zu imprägnieren. Ich musste diesen Ansatz nur weiterentwickeln.“ Also zersägt er den Teller in kleine Teile, untersucht sie eingehend und beginnt, an der Konservierung von Kiefernholz mithilfe von Wachs zu arbeiten. Sein Ziel: Nicht nur das Splintholz, sondern auch das Kernholz zu tränken – das war bisher noch niemandem gelungen.
Zuerst experimentiert Nies in der heimischen Küche. Hier erhitzt er Wachs im Ofen, taucht Holzstücke hinein und setzt das behandelte Material danach Parasiten und Pilzen aus. Als sich erste Erfolge einstellen, setzt der Tischlermeister alles auf eine Karte. Er investiert 300 000 Euro in eine Versuchsanlage. Sicher, dass sich die Investition einmal auszahlen wird, ist er sich jedoch nicht. „Mich verließ schon manchmal der Mut, wenn wieder einmal etwas nicht klappte, das Geld knapp wurde oder jemand sagte, dass mein Vorhaben nicht gelingen könne. Schließlich waren sich Holzwissenschaftler lange einig, dass man eine Kiefer nicht bis in den Kern tränken kann.“ Doch Nies lehrt die Experten eines Besseren.
Letzte Schritte bis zum Patent
Nach zehn Jahren des Experimentierens schickt der Tischlermeister 2006 erste Proben zur Materialprüfanstalt Brandenburg. Dort steht man seiner Entdeckung anfangs skeptisch gegenüber – schließlich ist er nicht der Erste, der versucht, Holz dauerhaft haltbar zu machen. Die Proben überzeugen die Prüfer jedoch und Nies meldet das Verfahren zum Patent an. Damit gelingt ihm das, woran sich die Großindustrie bisher die Zähne ausgebissen hat. „Ich hatte den Vorteil, dass ich Entscheidungen ganz alleine treffen konnte“, erklärt Nies seinen Erfolg. „Außerdem stand ich nicht unter Druck, möglichst schnell Ergebnisse liefern zu müssen, um rentabel zu sein.“
Im Duo zum Erfolg
Obwohl er die Experten von seiner Entdeckung überzeugt hat, verweigern die Banken Jan Nies die dringend benötigten Kredite, um ein Unternehmen zu gründen – vorerst. Denn da schlägt der Zufall ein zweites Mal zu: Nies lernt im Sommer 2006 den Betriebswirt Olaf Weber kennen und stellt ihm seine Geschäftsidee vor. Der erkennt das Potenzial der Erfindung, steigt in das Projekt ein und zieht ein halbes Jahr später einen Privatinvestor an Land, der die ersten drei Millionen Euro in ihr Geschäft pumpt. Nun spielen auch die Banken mit und gewähren dem Start-up-Unternehmen Kredite im Wert von 12 Millionen Euro. Genügend Startkapital für Nies, um die „Dauerholz AG“ zu gründen.
Das Unternehmen lässt sich 2008 in einem leer stehenden Kasernengelände in Mecklenburg-Vorpommern nieder. Hier bieten vier ehemalige Panzergaragen ausreichend Platz für Hobel-, Keilzink- und Farbanlagen sowie für das Herzstück des Unternehmens: vier Tränkanlagen mit Wachsbehälter und Imprägnierkessel. Jan Nies‘ Erfindung kann 2009 in Produktion gehen. Als die ersten Paletten Schnittholz in die Tränkanlagen einfahren, herrscht gespannte Stille in der Halle. Dieser Moment ist dem Tischlermeister noch gut in Erinnerung: „Ich war aufgeregt und hatte auch ein wenig Angst. Aber eigentlich war ich mir sicher, dass ich es nach so langer Zeit wirklich hinbekommen hatte.“
Vom Gesellen zum Unternehmer
Während der langen Experimentierphase profitiert Jan Nies zweifelsohne von dem Wissen, das er mit den Jahren gesammelt hat: 1980 schließt er seine Ausbildung zum Tischler ab und arbeitet sich von nun an stetig weiter nach oben. Vom Tischlergesellen avanciert er zum Holztechniker und macht sich 1991 mit einer eigenen Tischlerfirma selbstständig. 2002 hält er schließlich den Meisterbrief in der Hand. Das war exakt die berufliche Entwicklung, die Nies sich als Jugendlicher vorgestellt hatte: „Mich reizte an dem Beruf neben dem Werkstoff Holz schon immer die Möglichkeit, kreativ und eigenständig zu arbeiten. Zudem ist die Arbeit als Tischler sehr abwechslungsreich – ein reiner Bürojob wäre für mich nie infrage gekommen.“
Mit dieser Begeisterung für seine Arbeit baut Nies gemeinsam mit einigen Investoren die Dauerholz AG aus. Heute beschäftigt diese fast 70 Facharbeiter. In Nies’ Arbeitsalltag hat sich allerdings nur wenig geändert. Der 54-Jährige ist zwar Hauptgesellschafter des Unternehmens, aber nur beratend tätig. Das tägliche Geschäft läuft ohne den Hamburger – der arbeitet nach wie vor als Tischler.
Wenn Jan Nies heute durch die Produktionshallen schlendert, ist er zufrieden mit sich und der Welt. „Ich bin sehr stolz auf das Team, das meine Idee weiterentwickelt hat und darauf, dass ich mich nicht habe beirren lassen.“ Reich geworden ist er trotz seiner Entdeckung noch nicht. Von dem Geld, das die Dauerholz AG erwirtschaftet, werden neue Maschinen angeschafft und in die Weiterentwicklung seiner Idee investiert. Demnächst sollen auch neue Hallen im Werk gebaut werden – es gibt noch viel zu tun. I
Dauerholz AG
19406 Dabel

Die BM-Serie im Überblick: Facetten der Nachhaltigkeit
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie.
Darin geht BM der Frage nach, wie nachhaltiges Handeln in der Schreinerei aussehen kann. Im Fokus steht insbesondere die praktische Relevanz des wenig greifbaren Begriffes der Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk.
Die Hauptbeiträge im Einzelnen:

Die Praxisbeispiele: