Besuch in der Meterstab-Manufaktur Bauer

Das Maß der Dinge

Wohl kaum ein Werkzeug kommt in der vielschichtigen Welt des Handwerks häufiger zum Einsatz als der Meterstab. Und obwohl so unersetzlich wie genial: Wirkliche Anerkennung für seine zuverlässige Leistung erhält er selten. Ein Besuch beim Hersteller Bauma in Laufen an der Salzach gibt Einblick in die komplexe Fertigung dieser Alltagshelfer.

Lukas Drobny

Dezent, kompakt und unaufdringlich wenn er nicht gebraucht wird, entfaltet er seine wahre Größe und seinen echten Nutzen erst dann, wenn es wirklich darauf ankommt: der Mass- oder Meterstab, auch Zollstock genannt. Ein „Diener“ des Handwerkers im besten Sinne eben. Wer sich auf die Suche nach den Wurzeln des mit Sicherheit berühmtesten Messwerkzeuges macht, wird recht schnell fündig am untersten Rand unserer Landkarte, unweit der österreichischen Grenze im malerisch gelegenen Laufen an der Salzach. Hier sitzt der Marktführer im Bereich Meterstäbe und Messwerkzeuge.

Die für die meisten wohl recht lange Anreise wird also nicht nur mit einem Blick in das Geburtsstübchen unser aller Alltagshelfer belohnt. Jedem sei empfohlen, vor Ankunft eine Pause einzulegen, die klare Luft zu atmen und die Schönheit des schroffen Alpenpanoramas für einen Moment zu genießen.

Familie und Tradition

Angekommen, empfängt Philipp Bauer, Geschäftsführer in dritter Generation. Er führt zu den Produktionshallen, in denen, wie sollte es heutzutage auch anders sein, die Maschinen den Takt vorgeben. Und die laufen auf Hochtouren. Bald ist Weihnachten und längst ist der Meterstab kein reines Messinstrument mehr. Etliche Firmen haben ihn seit Langem als nützlichen Werbeträger und kleines Give-away entdeckt.

Und trotzdem. Für einen Plausch mit seinen Mitarbeitern ist Zeit, bevor er eine kleine Leiste aus Buchenholz vom Förderband nimmt: „So kommen die hier an. Meistens Buche. Immer aus Deutschland, ausnahmslos nachhaltige Forstwirtschaft.“ Die Leiste wandert zurück. Ihr werden, gemeinsam mit unzähligen weiteren Buchenstreifen, in einer für das Auge kaum wahrnehmbaren Geschwindigkeit, die Kanten gebrochen. Dann schon erfolgt das Lackieren mit Wasserlack. Ein bis drei Aufträge und ein Klarlack, je nach Deckkraft der 19 zur Verfügung stehenden Grundfarben werden aufgetragen. Hierbei werden die einzelnen Glieder durch einen Poliergummi, eine Art Düse geschoben, über der ein Lackbehälter montiert ist. Anschließend werden sie mit einer geeichten Schneide auf ihr fertiges Maß gekürzt.

Es folgt das Bedrucken im Rotationsdruckverfahren. Hier erhalten die einzelnen Glieder nicht nur ihre Skalierung. Wer seinen Meterstab einmal etwas genauer in Augenschein nimmt, wird neben Angaben zu Länge, Zertifizierung, Produktionsort und Genauigkeitsklasse noch einen kleine ovale Markierung finden. Mittels dieser Markierung kann ein Laserstrahl in Sekundenbruchteilen überprüfen, ob die unzähligen, an ihm vorbeiflitzenden Glieder die richtige Lage für die weitere Bearbeitung haben. Ganz klar: Wäre ein Glied falsch herum einsortiert, die Skalierung wäre später nicht in Reihenfolge und der Meterstab unbrauchbar. Stimmen Lage und Position, erhält jedes einzelne Glied an seinen Enden eine gestanzte Rundung.

Kleine Berühmtheiten

Auf ein mittlerweile leider ausgelaufenes Patent ist man bei Bauma besonders stolz. Im Jahr 1984 erfand der Vater von Philipp Bauer, Franz-Josef Bauer, den Winkelbeschlag. Faltet man den Meterstab auf, so rasten die einzelnen Glieder bei 90 ° ein – im Handwerk weltweit ein beliebtes Detail. Maschinell und rasend schnell werden die Bohrungen angebracht und der Beschlag eingedrückt. An den Enden des später ersten und letzten Gliedes wird zudem die typische Endkappe aus Messing aufgepresst.

Es folgt die Kontrolle der einzelnen Glieder. Dieser Arbeitsschritt erfordert mehr als eine Maschine leisten könnte, hier hilft nur ein scharfes Auge und unermüdliche Konzentration. Ist diese Prüfung bestanden, werden die einzelnen Glieder zu ihrer späteren Einheit verbunden. In zehn nebeneinanderliegenden Fächern, in Reihenfolge sortiert, werden immer die untersten Glieder von einem Förderband in die Vernietungsmaschine gezogen und dort zusammengepresst. Anschließend wird jedes Gelenk noch einmal gefettet und der zusammengefügte Meterstab maschinell eingeklappt. Es folgt noch ein zweifacher Feinschliff der gerundeten, stirnseitigen Enden und ein letzter Lackauftrag.

Streng geprüft

Geschafft, könnte man meinen. Wäre da nicht noch eine letzte Hürde zu überwinden, bevor die Reise beginnen kann. Um die Genauigkeitsklasse III zu gewährleisten und die Zertifizierung durch den TÜV zu garantieren, wird täglich eine Charge der Maßstäbe nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und kontrolliert.

Zu gravierenden Abweichungen ist es zum Glück nie gekommen. Und so produziert Bauma wöchentlich etwa 70 000 Meterstäbe und beliefert Kunden in aller Welt. Philipp Bauer hält noch einen kleinen Plausch, dann verlässt er den Ort des Geschehens. „Eigentlich ist der Meterstab kein Produkt, das man heute noch in Deutschland produzieren kann.“ Er denkt kurz nach. „Das es trotzdem funktioniert, liegt daran, dass wir hier so eine tolle Gemeinschaft haben mit sovielen Mitarbeitern, auf die wir uns schon so lange absolut verlassen können“, sagt er und lächelt. Man spürt, dass er stolz darauf ist.

www.bauer-massstabfabrik.de


Der Autor

Lukas Drobny, Jahrgang 1985, ist Möbelbauer und freier Autor. Er lebt mit seiner Familie in Erlangen.