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Das Wandern ist …

Werkstattbesuch in der Stockmanufaktur Geyer in Lindewerra
Das Wandern ist …

… des Müllers Lust, heißt es in einem bekannten Volkslied. Und nicht nur des Müllers: Jahr für Jahr zieht es Millionen von Menschen gerüstet mit festem Schuhwerk und wetterfester Kleidung hinaus in die Natur. Einige davon sicherlich auch mit einem Wanderstock aus der Werkstatt von Michael Geyer im thüringischen Lindewerra. BM-Redakteur Heinz Fink

I Sanft ziehen sich die eichenbestandenen Hügel beidseitig des Tales in die Höhe. Dazwischen plätschert der Fluss in einer weiten Schleife ruhig dahin – am östlichen Ufer das beschauliche 250-Seelen-Dorf Lindewerra. Kaum jemand ahnt heute beim Anblick der pittoresken Landschaft, dass hier einst die Welt zu Ende war – zumindest für diejenigen, die auf der östlichen Seite des Flusses lebten. Trennte doch die in der Mitte der Werra gelegene Grenze bis 1990 Ost- von Westdeutschland, Thüringen von Hessen und Menschen beiderseits der Grenze voneinander. Doch das war nicht immer so. Einst gingen die Produkte des als Stockmacherdorf bekannten Ortes Lindewerra in alle Welt. Die Herstellung von Stöcken beschäftigte in den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts – in damals gut 30 Betrieben – einen nicht unbeträchtlichen Teil der Einwohnerschaft. Heute produziert Michael Geyer als einer der Letzten in seiner Stockmanufaktur in fünfter Generation Spazier- und Wanderstöcke in allerlei Varianten.

Lokale Geschichte eines Handwerks
Der Stockmacher Wilhelm Ludwig Wagner aus Eddigehausen bei Göttingen siedelte sich im Jahr 1836 im Ort an und brachte das ausgefallene Handwerk nach Lindewerra. Die umliegenden Lohwälder – so genannt, da die Rinde der Eichen zur Ledergerbung verwendet wurde – boten dabei eine ideale Rohstoffquelle für die Stockmacher. Von Februar bis Mitte März wurden die drei- bis vierjährigen Stockaustriebe der Eiche geerntet, sie lieferten den Jahresbedarf der Stockmacher. Neben Eiche wurden zu allen Zeiten auch die Hölzer von Esche, Eberesche, Haselnuss, Schwarzdorn, Schlehe oder Walnuss zur Herstellung von Stöcken verwendet.Der 46-jährige gelernte Tischler Michael Geyer, der den Betrieb im Jahr 2009 von seinem Vater Wolfgang, dem einstigen Obermeister der Stockmacherinnung, übernommen hat, bezieht sein Material längst nicht mehr aus den heimischen Wäldern. Heute kommt das Material, fast ausschließlich Esskastanie, aus Spanien und England – fertig geschält und nach Qualität und Länge sortiert.
Handwerkliche Fertigung
Doch wie wird aus dem geraden Rohling ein nutzbarer, elegant gebogener Wanderstock? Bis zu 32 Arbeitsschritte sind notwendig, verrät Michael Geyer. Vor dem Biegen werden die Kastanienschüsse, wie das Rohmaterial in der Fachsprache heißt, in einer sich langsam drehenden Trommel im Laugenbad gewaschen und gebleicht. Zum anschließenden Biegen werden die Stöcke in einem Spezialofen gedämpft und auf einer von Michael Geyers Vater entwickelten, federbetriebenen Biegemaschine wird der sogenannte Haken, der eigentliche Griff des Stockes, geformt. Dabei werden die Fasern im inneren Radius über einer Metallform gestaucht und außen überstreckt. Eine eilends übergebundene Schnur hält den Griff bis zur vollständigen Trocknung in Form. Ein zweiter Mitarbeiter richtet die Stöcke, solange diese noch heiß sind, zwischen zwei in einen senkrechten Balken eingeschlagenen Hartholzzapfen gerade aus.
In hohen Metallwagen werden die so gebogenen und gerichteten Stöcke zu Hunderten in einen beheizten Trockenraum geschoben und bei 80° etwa fünf Tage getrocknet. Den richtigen Trocknungsgrad erkennt der Meister daran, dass die zur Fixierung genutzten Schnüre lose werden.
Ein kräftiger mit einem Sägeblatt und einem Falzfräser bestückter Schleifbock dient zum Ablängen und Anfräsen des konischen Endes für die Metallspitze. An einer weiteren Spezialmaschine wird das Griffende gekürzt und verrundet. Mittels weiterer stationärer Schleifvorrichtungen werden Äste geglättet. Zur farblichen Gestaltung werden die Stöcke über einer Gasflamme mit viel Fingerspitzengefühl „gefärbt“ und erhalten je nach Modell spiralförmige Einfräsungen, die dann wieder hell erscheinen. Zum Oberflächenschutz werden die fertigen Wanderstöcke im Lackbad getaucht. Nach Montage der metallenen Spitze sind sie bereit zum Verkauf.
Von Lindewerra in alle Welt
Neben den klassischen aus Holz gebogenen Wanderstöcken liefert die Stockmanufaktur Geyer noch viele weitere Modelle. Vom Stenz, dem gewundenen Wanderstab der Handwerker auf der Walz, Gehstöcken mit Knauf aus graviertem Metall oder farbigem Kunststoff, Stöcken mit Griffen aus Geweihgabeln, Jagdstöcken, Marschierern, Schäfer- und Hirtenstäben bis hin zu Stocksitzen für Jäger – gut 100 unterschiedliche Modelle finden sich im Programm des Handwerksbetriebes.
Abgesehen von einem kleinen, eigenen Online-Vertrieb und einem bescheidenen Werkstattverkauf bringt Michael Geyer seine Stöcke ausschließlich über Fachhändler und Souveniershops in den Umlauf – vor allem im Umkreis touristischer Regionen wie den Alpen oder den Highlands in Schottland. Und das in nicht geringer Zahl: Gut 60 000 Stöcke verlassen die Werkstatt jährlich. I
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