Einer der letzten Kammmacher Deutschlands und seine Familie. Ein fast vergessenes Handwerk - BM online

Einer der letzten Kammmacher Deutschlands und seine Familie

Ein fast vergessenes Handwerk

Ein großes, von Holzspänen fast völlig verdecktes Sprossenfenster, davor eine kleine Kammschneidemaschine, die bereits 111 Jahre alt ist und noch aus den Zeiten der englischen Industrialisierung stammt – und mittendrin sitzt einer der letzten Kammmacher Deutschlands, Martin Groetsch. Ein Mann, der viel Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlt.

Autor: Jacqueline Koch
„Mein Vater ist jemand, der seine Arbeit liebt und sie braucht. Diese Leidenschaft findet sich in jedem einzelnen Kamm“, beschreibt Tochter Melanie Groetsch einen der letzten Handwerker dieser Zunft. Weniger als fünf Betriebe fertigen in Deutschland noch Kämme aus Holz. Dabei ist der Kamm wohl das älteste und am längsten in Benutzung stehende Werkzeug zur Körperpflege. Die ersten Kämme wurden aus Knochen, Elfenbein oder Fischbein gefertigt. Aber schnell erkannten die Menschen die Vorteile von Holz: stabil, antistatisch, natürlich und wertig. Vorteile, die Holzkämme auch heute noch gegenüber Kunststoffkämmen haben.

Der Vater von Martin Groetsch, der letzte Kammmachermeister Deutschlands, baute in den 70er-Jahren eine alte Mühle direkt an der Pegnitz zu einer Kammmacherwerkstatt um. Über eine kleine Brücke geht es direkt auf das ca. 1.400 m2 große Mühlengrundstück mit viel altem Baumbestand. Als Martin Groetsch Ende der 80er-Jahre die Werkstatt übernahm, wurde praktisch nichts verändert und das ist wohl auch der Grund für die besondere Atmosphäre längst vergessener Handwerkstradition. Kurz nach der Übernahme schlief der letzte Meister echter Holzkämme mit 89 Jahren friedlich ein und sein Sohn übernahm die Kammmachertradition. „Wir haben ein Paradies übernommen, aber auch für ein Paradies muss man jeden Tag hart arbeiten“, bekräftigt die Ehefrau von Martin Groetsch, die als Seele des kleinen Familienbetriebes gilt und die Kundenbetreuung, den Versand sowie die gesamte Verwaltung organisiert. Und dank der firmeneigenen Turbine, die ausschließlich mit Wasserkraft betrieben wird, erzeugt die Kammmacherfamilie den kompletten Strom selbst und so trägt jeder Kamm den Aufkleber „CO2-neutral produziert“.
Martin Groetsch steht jeden Tag in der nur 60 m2 großen Werkstatt, die unzählige Regale, Holzstücke, Kartons und Unmengen von Holzspänen beherbergt. Er fertigt bis zu 60 Kämme am Tag. Und hier verdient wirklich jeder Kamm das Prädikat „handgefertigt“. Denn viele filigrane Arbeitsschritte sind nötig, um einen hochwertigen Holzkamm herzustellen. Das Wichtigste ist das Holz. Es muss trocken sein und wird bis zu zehn Jahre abgelagert. In den Lagerräumen stapeln sich Stämme und Bohlen der unterschiedlichsten Holzsorten – Ahorn, Buche, Elsbeere, Hainbuche, Kirsche, Speierling, Wildbirne uvm. Wichtig sei es, kein industriegetrocknetes Holz zu verwenden.
Geübte und filigrane Handgriffe
Jeder Kamm – Griffkämme, Lockenkämme, Herrenkämme oder Friseurkämme – verlangt nach einem bestimmten Holz bzw. einer Holzkombination. Risse oder größere Äste im Holz müssen beachtet werden, denn diese Stücke können nur für Griffkämme verwendet werden, da sie bei feinzinkigen Kämmen die Qualität beeinträchtigen. Wenn Martin Groetsch die Klötze für die Rohlinge sägt, achtet er darauf, dass die Faser vom Holz immer mit dem Zahn verläuft, die Faser auf der Leiste entgegengesetzt. Denn die Leiste dient als Stabilisator, ohne Leiste würde der Kamm bei geringem Druck zerbrechen.
Die Blöcke für die Zähne werden beidseitig mit je einer Platte für die Leisten verleimt und dann an der Bandsäge aufgesägt. Das Besondere: Der Tisch der Bandsäge steht in einem schrägen Winkel zum Sägeblatt, so dass die Rohlinge schon leicht konisch sind. Hier wird bereits die Basis dafür gelegt, dass der Zahn vorne dünner und der Kammrücken dicker geformt wird. Anschließend wird das Leistenstück an der dünnen Seite mit einer Zange entfernt. Im nächsten Schritt werden die Zahnungen gesägt. Das geschieht an einem echten Museumsstück, einer 111 Jahre alten Kammmachermaschine aus England – gekauft vom Großvater. „Sie funktioniert immer noch einwandfrei , ohne Unterbrechungen“, bestätigt Martin Groetsch, während das gleichmäßige Sägegeräusch die Werkstatt erfüllt. Die Rohlinge werden auf beiden Seiten der Maschine eingespannt, von dort aus werden sie stetig zu zwei rotierenden Sägeblättern transportiert, um die Zahnungen einzuarbeiten. Der sogenannte Teilungsstern sorgt dafür, dass das Stück immer mit dem gleichen Abstand weiterläuft. Der Teilungsstern wird je nach gewünschtem Kammmodell ausgewechselt – sodass man von fein bis breit jede Zahnung fertigen kann. Fünf Feinheitsgrade stehen zur Verfügung.
Im Anschluss sägt der Kammmacher an einer kleinen Bandsäge den Griff heraus – völlig freihändig. Es gibt keine Schablone oder ein ähnliches Hilfsmittel. Hier spielen Erfahrung, Fingerfertigkeit und das richtige Gefühl die entscheidende Rolle. Dabei hat jeder sein eigenes Gespür. „Man sieht es den Kämmen an, wer sie gefertigt hat. Mein Vater hat eher ein gradliniges Design. Meine Kämme sind weicher in der Optik, mit runderen Enden“, beschreibt Melanie Groetsch die Eigenheiten.
Mit Leidenschaft und Geduld
An der Bandschleifmaschine wird das Äußere geschliffen und die Zahnspitzen abgerundet. Denn der einzelne Zahn muss vorne spitz und zugleich rund sein, damit das Haar überhaupt aufgenommen werden kann. Deshalb ist für das erste Abschleifen Feingefühl nötig. „Das Ausspitzen ist das Schwierigste und Wichtigste für die Qualität des Kammes, hierfür braucht man die meiste Erfahrung, denn jedes Holz, jede Zahnung benötigt einen bestimmten Druck“, beschreibt Melanie Groetsch den Arbeitsschritt. Danach fasst sich der Kamm bereits angenehm glatt an.
Der nächste Schritt erfolgt auf den rotierenden Polierscheiben. Zwei Spezialscheiben zur Polierung der Zwischenräume säubern den Zahngrund von beiden Kammseiten und vollenden damit auch die Form. Der einzelne Zahn wird konisch. Dieser Arbeitsschritt garantiert, dass keine Fasern mehr zwischen den Zähnen verbleiben und auch der Zahngrund absolut sauber ist. Zum Schluss kommt die Polierscheibe mit einem feinen Leinentuch zum Einsatz und dann ist der Kamm fertig – ein echter Holzkamm – ohne industrielle Fertigungsschritte und ohne Öle oder Wachs. Das ist der Familie besonders wichtig, da solche faserglättenden Mittel für späteres Zupfen des Kamms verantwortlich sein können.
Jeder Moment bestimmt das Ergebnis der Handarbeit, nicht zuletzt die Leidenschaft und die Geduld des Kammmachers. Denn laut Melanie Groetsch erkennt man an einem Kamm, ob er in Hast oder unter Druck gefertigt wurde: „Gute Kämme, die nicht aus Fertigungsroutine, sondern aus Freude am Handwerk entstanden sind, unterscheiden sich in Optik und Haptik.“
Martin Groetsch e.K.
91235 Hartenstein
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