Werkstattbesuch beim Holzgestalter Jürgen Ludwig in Dessau

Mit Witz und Verstand

Schalen, Dosen, Schreibgeräte und Kreisel sind typische Produkte des Drechslerhandwerks. Auch der Holzgestalter Jürgen Ludwig aus Dessau hat diese in seinem Repertoire. Seine besondere Leidenschaft aber gilt der Entwicklung und Herstellung komplexer geometrischer Körper und von Objekten mit feinsinnigem Witz und Hintersinn.

BM-Redakteur Heinz Fink

Langsam bewegt sich der ebenmäßig geformte Körper aus fein liniertem Schichtholz vorwärts, läuft in einer taumelnden, sich zunehmend aufschaukelnden Bewegung die leicht schräg gestellte Fläche hinab. So sehr das Auge auch versucht das Objekt zu fassen, seine Geometrie zu verstehen, Flächen und Kanten zuzuordnen, es will nicht gelingen. Erst in die Hand genommen, beginnt man, seine besondere Form im wahrsten Sinne des Wortes zu „begreifen“. Fährt man mit dem Finger die präzise gearbeitete Kante ab, so stellt man fest, dass sie den haptischen Körper in einer fortgesetzten Linie umläuft. Auch seine Fläche setzt sich ununterbrochen fort. Der Körper, ein Sphericon – genauer ein Trisphericon, ein Kunstwort aus den englischen Begriffen „Sphere“ (Kugel) und „Cone“ (Kegel) – ist nur eines von vielen mathematisch-geometrischen, auf der Drechselbank hergestellten Objekte und Knobeleien des Dessauer Holzgestalters Jürgen Ludwig, dessen Werk noch viele weitere Facetten umfasst.

Holz im Blut

1944 in eine Geigenbauerfamilie im vogtländischen Bad Brambach geboren, kam Jürgen Ludwig schon früh mit Holz in Kontakt. Denn schon bevor er in die Schule kam, half er dem Großvater, einem sogenannten „Fröschelmacher“, der Teile für Geigenbögen herstellte, in der Werkstatt. Sein beruflicher Weg führte ihn nach dem Abitur aber zuerst einmal über eine landwirtschaftliche Lehre zu einem Ingenieurstudium als Chemieanlagenbauer. Nach seinem Hochschulabschluss in Ökonomischer Kybernetik war er 17 Jahre als Programmierer in einem Staatsbetrieb tätig.

Doch Bits und Bytes waren auf Dauer nicht die Erfüllung für Jürgen Ludwig und so begann er, sich Ende der 1960er Jahre intensiver mit Holz zu beschäftigen. Erste Drechselarbeiten entstanden mithilfe einer zur Drehbank umfunktionierten Bohrmaschine. Nun war es zu DDR-Zeiten nicht so einfach, seinen Job aufzugeben und als Kunsthandwerker zu arbeiten. Jahrelang musste Jürgen Ludwig bei den Behörden vorstellig werden um die Qualität und Verkaufbarkeit seiner Arbeiten unter Beweis zu stellen. Im Jahr 1984 erhielt er dann schließlich vom Ministerium für Kultur der DDR die „staatliche Zulassung für Honorartätigkeit auf dem Gebiet der Bildenden Kunst“ um fortan als „Holzgefäßgestalter“ selbstständig arbeiten zu können. Seit 1985 ist Jürgen Ludwig als freiberuflicher Holzgestalter tätig.

Vielseitiges Wirken

Das Werk von Jürgen umfasst dabei viel mehr als traditionelle Drechselarbeiten wie Schalen, Gefäße, Schreibgeräte oder Kreisel. Es reicht von plastischen Wandgestaltungen, freien Kunstprojekten bis hin zu Skulpturen für den Außenbereich, die er mit der Kettensäge fertigt. Sein besonderes Interesse allerdings liegt in der Herstellung von komplexen mathematisch-geometrischen Körpern wie dem Sphericon in all seinen Varianten. Zumeist aus fein geschichtetem Multiplex hergestellt, durchdenkt er diese Objekte – ganz der Ingenieur – bis hin zu den mathematischen Grundlagen. Den Dingen auf den Grund gehen – und dann noch einen Meter tiefer, wie er selber sagt, ist einer seiner Wesenszüge.

Eine ganz andere Art von Objekten sind seine kleinen Handschmeichler, flache Linsen im Durchmesser von 4 bis 5 cm und einer Höhe von 2 bis 3 cm. Jürgen Ludwig stellt sie in allerlei heimischen Holzarten wie Ahorn, Nuss- und Kirschbaum, aber auch in Robinie, Eibe oder Mooreiche her. Auch exotische Hölzer wie Ebenholz, Palisander oder Kokospalmenholz kommen zum Einsatz. Etwas ganz Besonderes aber sind seine „Handschmeichler für Durchblicker“ aus dem Holz der Rattanpalme. Gegen das Licht betrachtet lässt sich durch Tausende von nur etwa 0,2 mm großen, zylindrischen Porenkanälen das Licht erkennen. Auf Wunsch lässt Jürgen Ludwig dem Käufer eine 70- bis 200-fach vergrößerte Makroaufnahme der Rattanstruktur zukommen!

Feine Beobachtungsgabe

Überhaupt ist Jürgen Ludwig ein kritischer Geist und genauer Beobachter seiner Umwelt. So hat er zum 500-jährigen Reformationsjubiläum den „Evangelischen Taschenglobus 2017“, limitiert auf 1517 Stück, erdacht. Eine Buchekugel im Durchmesser von 6 cm trägt, durch eine rostige Reißzwecke – welche die Lage von Wittenberg markiert – gehalten, einen vergilbten, in Frakturschrift beschriebenen Pergamentschnipsel. Der Beipackzettel zum Taschenglobus verrät auf gewitzte Art, dass dieser ein zurückgebliebenes Stück der Lutherschen Thesen von der hölzernen Tür der Schlosskirche in Wittenberg sei – gerettet „von einem weitsichtigen Holzgestalter“!

Zum Evangelischen Taschenglobus hat Jürgen Ludwig mit gewitztem Sinn das katholische Pendant entwickelt – wie sich denken lässt, eine leicht gewölbte Scheibe! Auf dem aufgezeichneten Umriss Italiens steckt hier auf Höhe von Rom eine goldfarben glänzende Reißzwecke. Oder seine Skulptur „Im Vati-Kahn“. Sie zeigt auf einem abstrahierten Bootsrumpf Dutzende von rotbemützten Männlein und eine größere, daraus aufragende, in Gold und Silber gewandete Figur: der Papst umgeben von seinen Kardinälen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man unter letzteren eine Figur mit angedeuteten Brüsten – nach der Legende die Päpstin Johanna aus dem 9. Jahrhundert …

Den Schalk im Nacken

Auch zu aktuellen Themen bezieht Jürgen Ludwig Stellung. So hat er zum derzeit in seiner Heimatstadt Dessau stattfindenden Bauhaus-Jubiläum den auf 100 Stück limitierten „Promillekreisel“ aus einem halbierten Golfball und einem Messingröhrchen als Stiel entwickelt. Nach dem Anwerfen rotiert dieser allerdings nicht wie ein gewöhnlicher Kreisel um seine vertikale Achsen, vielmehr taumelt und torkelt er, legt sich auf die Seite und dreht sich um seine Querachse, um kurz darauf still zu stehen.

Anfang des Jahres hat Jürgen Ludwig an sein Wohnhaus, das an der Straße zum Kornhaus, einem in den 20er Jahren im Bauhausstil erbauten Ausflugslokal am Ufer der Elbe liegt, eine Hinweistafel mit der Aufschrift „Hier wohnte Walther Gropius von 1925-26“ angebracht. Seither beobachtet er immer wieder Personen und Gruppen, die bewundernd vor dem Schild stehen bleiben und es teils auch fotografieren. Dass der Bauhausgründer hier in Wirklichkeit nie gewohnt hat und der echte Gropius kein „h“ im Vornamen trug, war selbst den beflissenen Architekturkennern nicht aufgefallen … Jürgen Ludwig freut’s diebisch.

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