Kabinettschrank in Mahagoni, Ahorn und Amarant

Geheimnisträger

Schlicht und klassisch gegliedert, so zeigt sich das Meisterstück von Quirin Herzinger, ein fein dimensionierter Kabinettschrank in Mahagoni, Ahorn und Amarant, nur auf der ersten Blick. Seine wahren „inneren Werte“ gibt das meisterliche Möbel erst nach dem Öffnen preis.

BM-Redakteur Heinz Fink

Kabinettschränke haben eine lange Tradition in der Kulturgeschichte. Als oftmals reich verzierte Möbel zur Aufbewahrung von Schmuck und anderen Kostbarkeiten, finden sie sich in fast allen Stilepochen der vergangenen 500 Jahre. Auch Quirin Herzinger hat es dieser Möbeltypus angetan. Aus einer Restauratorenfamilie stammend, hat er seiner Ausbildung zum Schreiner an der Berufsfachschule für Holzschnitzerei und Schreinerei in Berchtesgaden gleich noch eine Ausbildung zum Holzbildhauer folgen lassen. Während dieser Zeit war er zuerst als Schreiner- und später als Holzbildhauergeselle im elterlichen Restaurierungsbetrieb für Kulturgut und Denkmalpflege tätig. Im Jahr 2017 schloss er seine Weiterbildung zum Holzbildhauermeister in München ab und hängte anschließend noch den Schreinermeister in Vollzeit am BTZ Traunstein dran.

Harte Überzeugungsarbeit

Quirin Herzinger hatte schon immer einen Kabinettschrank als Meisterstück bauen wollen, in den seine Erfahrungen als Schreiner, Holzbildhauer, Drechsler und Restaurator einfließen sollten. Doch dazu galt es zuerst einmal, die Meisterprüfungskommission zu überzeugen, die Zweifel an der Statik des filigranen, hochbeinigen Möbels hatte. Mit zwei Modellen im Maßstab 1:1, welche die Stabilität des Fußgestells belegten, konnte dies geklärt werden. Doch nicht nur die Statik ließ die Prüfer zweifeln, auch der Anspruch des Meisterschülers, das gesamte Stück in Massivholz zu bauen. Hier überzeugte die Kommission schließlich ein voll funktionsfähiges Modell im Maßstab 1:10 zur Genehmigung des Meisterstückes.

Konsequent durchkonstruiert

Ein komplexes Stück erfordert eine vorausschauende Planung. So steckte auch Quirin Herzinger bereits früh viel Zeit in die Planung und Konstruktion seines Meisterstückes. „Ein paar Hundert Stunden sind es wohl schon gewesen“, gibt er zu. „Doch ohne diesen Einsatz im Vorfeld, wäre die Fertigung des Stückes in gut 200 Stunden nicht möglich gewesen.“

Das den eigentlichen Kabinettschrank tragende, 1000 mm hohe Untergestell besteht aus vier gedrechselten Füßen aus Amarant, einem sehr schweren und dichten tropischen Holz mit markanter, violetter Farbe. Die nach unten konisch zulaufenden und in der Mitte verdickten Säulen sind unten durch vier gedrechselte Traversen (13 mm) verbunden.

Den oberen Abschluss bildet ein 95 mm hoher Zargenkranz bzw. Schubkastenfries. Nach allen vier Seiten fahren hier halbverdeckt gezinkte und klassisch geführte Schubkästen in halber Länge der Zargen heraus. Um die Stabilität zu gewährleisten, steift ein komplexes System von gedübelten Mittel- und Doppelseiten den Korpus aus (siehe Zeichnung) und lässt dennoch das Arbeiten des als Rahmen mit massiver Füllung ausgeführten Bodens zu.

Überraschende Stauräume

Der eigentliche Kabinettschrank sitzt umlaufend eingerückt zwischen den beiden, wiederum durch gedrechselte Säulen aus Amarant auf Abstand gehaltenen Böden. Ober- und Unterboden sind ebenfalls als Rahmen mit flächenbündiger, zweiteiliger Füllung gefertigt – die um 45° angefasten Kanten der auf Gehrung verdübelten Rahmen lassen diese dünner erscheinen. Der oben und unten durch eine zurückspringende, eine Schattenfuge bildende Leiste von den Böden getrennte Korpus, ist lediglich vorne und hinten auf etwa 60 mm mit den Rahmen verleimt. An schwarz brünierten Lappenbändern (Eberhart, Kröpfung B) angeschlagene Rahmentüren mit Füllung verschließen mittels verdeckten Magneten den Korpus – gleichermaßen ist die feststehende Rückwand konstruiert.

Bei geöffneten Türen zeigen sich im Inneren, in ein filigranes Raster aus Mahagoni eingesetzt, 16 verschieden große, klassisch auf Lauf-, Kipp- und Streifleisten geführte Schubkästen. Zum Öffnen dienen gedrechselte, aufgesetzte bzw. in die Vorderstücke aus Ahorn eingelassene Griffe aus schwarzem, poliertem Büffelhorn. Entnimmt man die oberen und unteren beiden Schubkästen dem Korpus, so finden sich dahinter jeweils ein weiterer, offen in Mahagoni gezinkter, kleiner Behälter.

Mittig lässt sich ein mit vier flachen Schubkästen bestückter, auf Leisten geführter Korpus (Tabernakel) komplett herausnehmen und gibt dahinter einen scheinbar leeren Raum frei. Bei genauerer Untersuchung finden sich hier, nach der Seite angeordnet und zur Mitte hin herausziehbar, weitere acht kleine Miniatur-Geheimschübe mit zylindrischen Horngriffen.

Die Außenseite sowie die Schubkastenfronten seines Kabinettschrankes hat Quirin Herzinger in zahllosen Schichten mit Schellack per Hand poliert, die Innenseiten sind geölt und abschließend mit Wachs behandelt.

Kontinuierlicher Weiterbildungsprozess

Rundum handwerklich qualifiziert, arbeitet Quirin Herzinger seit seiner mit Auszeichnung bestandenen Schreinermeisterprüfung wieder im elterlichen Betrieb. Doch hier soll der Weg nicht enden, denn ab Herbst beginnt er ein Bachelor-Studium der Konservierungs- und Restaurierungswissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim, dem sicherlich noch der Master folgen wird.

Herzinger – Werkstätte für Kulturgut und Denkmalpflege, Bildhauerei und Schreinerei
Hauptstraße 6

83119 Obing-Frabertsham

restaurator.herzinger@t-online.de

Konsequent durchgearbeitet: Die Fertigungszeichnung verdeutlicht die komplexe, massivholzgerechte Konstruktion des Kabinettschrankes.
Zeichnung: Quirin Herzinger

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