Im Porträt: Schreinerei Christian Frank

Kurven der Natur

Wenn Christian Frank früher eine Tischplatte aus Massivholz fertigte, bedauerte er oft den Verschnitt. Also entwickelte er eine Technik, mit der jedes Brett optimal genutzt werden kann – auch wenn der Stamm mal nicht so gerade gewachsen ist. Die „wilden“ Tische oder auch Platten gibt es für Kollegen als Zulieferprodukt.

Christine Speckner

Da lag er nun. Der geschnittene Kirschbaumstamm. Gut, etwas krumm war er. Acht Bretter, aufeinandergestapelt, im Lager gleich neben dem Eingang. Das war vor etwa zwei Jahren. Jeden Tag, wenn Christian Frank und sein Mitarbeiter Schreinermeister Thomas Hug vorbeigingen, schüttelten sie den Kopf. Das Problem: Der Kunde hatte einen Tisch beauftragt, doch dafür reichte der Stamm nicht. Zu krumm gewachsen. „Wir hätten zwei gebraucht“, erinnert sich Frank. Also ließ man das nicht optimale Material liegen, orderte neues, relativ gerade gewachsen, und fertigte den gewünschten Tisch. Keine große Geschichte, eigentlich. Doch der krumm gewachsene Stamm lag immer noch da. Und zweifellos: Er hatte seinen Charme.

Maßraster für jedes Brett

Das ließ beiden keine Ruhe. „Früher, so sagten wir uns, hat man doch auch Tische gebaut, aus Brettern, die an einem Ende 50 cm und am anderen 30 cm breit waren. Es muss doch funktionieren, einen Tisch aus einem einzigen Stamm zu fertigen“, erzählt Frank, der jetzt im kleinen Frühstücksraum neben seiner Werkstatt in Kandern sitzt. Frank trägt Brille, Bart, braunes Firmenshirt und eine Arbeitshose mit sehr vollgepackten Taschen. „Da sin mir dann am Tüftla gsi“, sagt er im alemannischen Dialekt und seine Augen blitzen.

Ja, Tüfteln ist seine Leidenschaft. Immer, wenn es zeitlich passte, versuchten er und sein Mitarbeiter ein Programm zu entwickeln, womit die firmeneigene Format4 profit H22 CNC-Maschine spezielle Kurven fräst. Ziel war, bei Brettern von nicht ganz gerade gewachsenen Stämmen, das Holz optimal zu nutzen und so wenig Abfall wie möglich zu produzieren. Bis man perfekt auf Originalholz fräsen konnte, mussten etliche Spanplatten für Versuchszwecke herhalten. Drei Wochen dauerte es, dann war der Prototyp eines Tisches fertiggestellt. „Das funktionierte relativ schnell. Für das Programm brauchten wir drei Tage. Das hat mich selbst überrascht“, sagt Frank.

Als der heute 45-Jährige vor acht Jahren seine CNC erwarb, verfeinerte er seine Programmierkenntnisse bei einer Schulung durch den Hersteller. „Den Rest habe ich mir selbst beigebracht. Für unsere Aufträge programmieren wir ja viel, da kriegt man Übung“, so Frank. Details will er nicht verraten. Nur so viel: Die Daten müssen manuell eingegeben werden. Für jedes Brett wird ein individuelles Maßraster erstellt. Dazu werden die Bretter einzeln im Abstand von 100 mm markiert und vermessen. Nach der CNC-Bearbeitung werden die geschwungenen Bretter dann stumpf verleimt.

Aus der Kombination von Innovation, Handwerk und Hightech ist so ein Tisch mit Alleinstellungsmerkmal entstanden. Christian Frank hat ihn patentieren lassen. Sein Design-Tisch mit dem Namen „Sempre“ ist seit Mitte 2018 als Designpatent eingetragen und damit zumindest deutschlandweit ein Novum. Einzigartig bei der Bearbeitung ist, dass das Splintholz erhalten bleibt und nicht wie üblich weggefräst wird. So erhält die Längsseite des Bretts einen welligen Linienverlauf, die teils hellere Maserung verleiht dem Brett Lebendigkeit. Die natürliche Wuchsform bleibt erhalten und sichtbar. „Nicht nur Kern- sondern auch Splintholz spiegeln sich natürlich im Tisch wider“, so Thomas Hug.

Jeder Designtisch ist ein Unikat in Bezug auf Maß und Maserung. Wobei die Rohware sehr sorgfältig ausgewählt wird. „Es ist gar nicht so einfach, einen Baum mit schönem Bild zu bekommen“, meint Thomas Hug. Doch genau das verleiht jedem Tisch seine Exklusivität.

Weniger Abfall, mehr Nutzen

„Natürlich leben?!“, so lautet der Slogan, der werbewirksam in großen gelben Lettern auf dem Firmenshirt steht. „Nachhaltigkeit ist mir wichtig. Wo immer es geht, will ich Ressourcen schonen“, sagt Frank. In der Praxis hat sich die Erfindung des Badeners bereits bewährt. „Mit meiner Technik nutze ich für einen Tisch 90 % eines Stammes. Das ist enorm viel. Nur 10 % ist Abfall.“ Für die Herstellung einer Tischplatte benötigt Frank allerdings doppelt so lange wie bei der herkömmlichen Fertigungstechnik. „Wir brauchen weniger Holz, haben aber mehr Maschinenstunden.“ Etwa 20 Minuten läuft das CNC-Programm pro Fuge. Aus unternehmerischer Sicht ist das System wenig wirtschaftlich, und auch der Kunden-Endpreis für einen Nussbaumtisch, der bei etwa 5000 Euro liegt, lässt aufhorchen. Er ist trotzdem sicher, dass sich Interessenten für das Design mit exklusivem Brettcharakter finden. Nun will er den Vertrieb für sein Patent ankurbeln. Mit einem Schweizer Kollegen hat er bereits Kontakt, der seinen Sempre-Tisch verkauft.

Holzspäne statt Brezeln

Die Produktion der Schreinerei Frank liegt in dem ehemaligen Gebäude der alten Brezelfabrik Mayka in Kandern, im südwestlichsten Zipfel Deutschlands. Wo heute Kreissäge, Hobelmaschine, Plattensäge und Kantenanleimer stehen, war früher das Gewerk der Bäcker zu Hause. Dessen Anfänge führen zurück ins Jahr 1899. „Damals wurden die Brezeln hier noch von Hand geschlungen“, weiß Christian Frank und zeigt auf die Produktionshalle. Ende der 1970er-Jahre geriet das Unternehmen jedoch in Schieflage, erzählt er. Heute ist hier, am Ortsrand von Kandern, ein kleiner Gewerbepark angesiedelt, 2005 zog die Schreinerei ein. In diesem Jahr wurden weitere Flächen im Haus frei. Frank nutzte die Gelegenheit und erweiterte seine Werkstatt um 100 m². So ist ein Bank- und Lackierraum entstanden. Weiter wachsen will er nicht. Denn auch er bekommt den Fachkräftemangel zu spüren. „Was nutzen mir 5000 m², tolle Maschinen und keine Mitarbeiter?“ Klein, aber fein – das ist das Aushängeschild des Zwei-Mann-Betriebs. Und so soll es bleiben.

Probieren, bis es funkt

Christian Frank hat den Schwerpunkt schon früh auf den Bau von Massivholzmöbeln gelegt, vor allem für Privatkunden im Umkreis von 50 Kilometern. Die Schreinerei übernimmt zudem den kompletten Innenausbau, fertigt Küchen-, Bade-, Wohn- und Kinderzimmermöbel individuell und maßgeschneidert. Zu den Kunden gehören bekannte Adressen wie der Möbelhersteller Vitra in Weil am Rhein, für den man Messebauten realisiert. Und das Schweizer Kunstmuseum Fondation Beyeler.

Frank stammt aus einem kleinen Dorf im Südschwarzwald. Er spricht Dialekt, und an irgendetwas herumhantieren, bis es funktioniert, war schon immer sein Metier. Mit 23 Jahren entdeckte er ein Hobby, das ihm außerordentlich gefiel. Er fing an, mit benzinbetriebenen Modellautos herumzubasteln. Frank lacht. Er sagt: „Des isch a Baschtlerei gsi.“ Ab 2001 waren es dann Türen, Tische, Schränke, die er als junger Schreiner für seine ersten Kunden im eigenen Keller baute. Abends im Nebenerwerb, während seine Kollegen Feierabend machten. Ein Jahr später kam der Schritt in die Selbstständigkeit mit Übernahme einer alten Schreinerei in Efringen-Kirchen. Als 2005 das Gebäude der alten Brezelfabrik im nahegelegenen Kandern frei wird, mietet er 300 m² und investiert in den eigenen Maschinenpark. Heute ist der dreifache Familienvater Mitglied im Prüfungsausschuss der Innung Lörrach, wie übrigens auch sein Mitarbeiter Thomas Hug. „Wir beide haben zusammen 70 Jahre Berufserfahrung, da kommt eine Menge Know-how zusammen“, sagt Frank.

Schreinerei Christian Frank

79588 Efringen-Kirchen

www.schreinerei-christian-frank.de


Die Autorin

Christine Speckner ist freie Journalistin und lebt bei Freiburg.

www.christine-speckner.de


Tische oder Massivholzplatten

Zulieferer für Kollegen

Christian Frank hat eine Technik entwickelt, mithilfe derer er Bretter von nicht ganz gerade gewachsenen Stämmen zu 90 % nutzen kann. Nun will er sich als Zulieferer für Schreinerkollegen ein weiteres Standbein aufbauen. So fertigt die Schreinerei auf Wunsch komplette Tische in diesem besonderen Design, mit geölter oder lackierter Oberfläche. Auch Massivholz-Platten können für die Weiterverarbeitung beauftragt werden. „Wir stellen Massivholzplatten bis zu einer Länge von drei Metern, bis 1,30 m Breite und bis 50 mm Stärke her.“ Die exklusiven Platten eignen sich zum Beispiel für außergewöhnliche Möbelfronten und Garderoben oder für den Ladenbau. Verwendet werden vor allem heimische Obstbaumhölzer wie Kirsch- oder Nussbaum, aber auch andere Holzarten, die Frank kammergetrocknet über ein mittelständisches Holzhandelsunternehmen in der Region bezieht. Denn nur bei kammergetrocknetem Holz lässt sich das Splintholz mitverwerten. „Jede Platte, die wir mit dieser Technik herstellen, ist ein Einzelstück. Das unterscheidet unser Produkt von Industrieware.“

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