BM-Serie: Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk. Oberflächen mit Rezept - BM online
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Oberflächen mit Rezept

BM-Serie: Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk
Oberflächen mit Rezept

Schreinerarbeiten mit Lack oder mit Öl- und Wachspräparaten veredeln? Diese lange als Glaubenssache diskutierte Frage ist inzwischen versachlicht. Und das ist gut so. Die Lager haben sich angenähert und voneinander gelernt auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Oberflächenbeschichtung.

Autor: Christian Härtel
Nachhaltigkeit ist stets ein vielschichtiges Thema, wörtlich genommen gerade auch bei Oberflächen. In einem Punkt sind sich dabei wohl alle Experten einig: Nachhaltig bedeuted bei Oberflächen immer geeignet oder zielführend. Denn die schlechteste aller möglichen Oberflächenbeschichtungen ist die unsachgemäß ausgeführte Beschichtung oder die ungeeignete Wahl der Mittel. Doch dann endet die Einigkeit auch recht schnell.

Dass Beschichtungen ein Musterbeispiel für Nachhaltigkeit sind, wie es der Verband der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie postuliert, kann man getrost anzweifeln. Auch wenn die Argumentationsrichtung zur Haltbarkeit etwas mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Treffender formuliert es wohl Albert Rössler von der Adler-Werk Lackfabrik: „Es gibt keinen an sich nachhaltigen Lack. Der Lack kann immer nur in Verbindung mit seiner Anwendung bezüglich Nachhaltigkeit beurteilt werden.“ Und hier sehen die Experten hochstehende Produkte zielgenau für eine Anwendung im Vorteil. Denn die Haltbarkeit, also die Dauer bis zur nächsten Auffrischung, ist ein wichtiges Kriterium für eine Bewertung hinsichtlich der Nachhaltigkeit einer Oberflächenausführung.
Etwas oberflächlich betrachtet war die Welt der Beschichtung früher einfacher – in der Zeitrechnung vor dem Wasserlack. Es gab die konventionellen, zeitgemäßen Produkte, lösemittelhaltige Ein- und Zweikomponentenlacke, die in fast jeder Spritzkabine der Schreiner verarbeitet wurden. Und dann gab es die ökologisch motivierten Schreiner, die Produkte der Naturfarbenhersteller mit Ölen und Wachsen, Pflanzenbeizen oder Polituren aus nachwachsenden Rohstoffen verarbeitet haben. Natürlich gab es auch solche, die je nach Kundenwunsch gewechselt haben. Dieses Bild hat sich unbemerkt, aber grundlegend gewandelt. Heute haben auch die großen Lackhersteller der Chemie-Holdings Beschichtungen mit Ölen und Wachslösungen im Programm. Der lösemittelarme Wasserlack nimmt eine Zwischenstellung ein und hat zur Verankerung des Nachhaltigkeitsgedankens bei Herstellern und Verarbeitern beigetragen.
Warum es den Oberflächenschutz braucht
Sinn und Zweck von Beschichtungen ist neben gewünschten dekorativen Effekten vor allem der Schutz der Oberfläche, aber auch zunehmend weitere Funktionen. Denn Lack wird auch immer mehr zum Hightech-Produkt. So sorgen nicht zuletzt nanoskalige Bestandteile für besondere Eigenschaften in Funktionslacken und sind damit hinsichtlich einer Nachhaltigkeit ebenfalls interessant, weil diese die Effekte über einen längeren Zeitraum aufweisen.
Und es hat sich herumgesprochen: „Natürlich“ kann nicht immer gleichgesetzt werden mit ökologisch oder gar nachhaltig. Werden einzelne Bestandteile massiv nachgefragt, kann das in den Erzeugerländern auch für große Probleme sorgen, siehe Palmöl. Beschichtungen von Holzoberflächen sind allgegenwärtig und die Ansprüche daran hoch.
Im letzten Jahr wurden in Deutschland insgesamt 59 000 t Holzlacke von der Holz- und Möbelbranche verbraucht. Das entspricht „nur“ einem Anteil von 4,1 % am Gesamtverbrauch an Lacken und Farben. Auf der anderen Seite ist das knapp die Hälfte der Menge, die von der Automobilindustrie jährlich für die Serienlackierung benötigt wird. Dazu kommen nochmals 81 000 t Lacke und Lasuren im Bausektor hinzu – zusammengenommen mehr, als die Autoindustrie samt der Reparaturlackierungen jährlich benötigt. Also doch ein wichtiger Faktor für Holzprodukte und damit auch für Schreiner.
Pflanzenchemie hat viel bewirkt
Ein erheblicher Teil dieser Mengen entweicht als Overspray. Sicher ein berechtigter Kritikpunkt bei den handwerklichen Spritzverfahren. Streich- und Tauchverfahren sind umweltfreundlicher. Auf die Lösemittelemissionen hat das Applikationsverfahren jedoch keinen Einfluss. Bislang gibt es keine kostengünstigen Verfahren, um Lösemittel effizient aus der Abluft zu filtern. Jeder Schreiner in Siedlungsbereichen kennt das Problem mit der Geruchsbelästigung.
Kritik seitens der Pflanzenchemie am Status quo kommt aber auch wegen der oft nicht abschätzbaren Risiken und Unsicherheiten beim Umgang mit modernen Chemikalien. Erst durch die Nanotechnologie schaut man hier genauer hin, weil die Vorbehalte groß sind. Naturfarbenhersteller verwenden Rohstoffe aus den natürlichen Stoffkreisläufen, vor allem pflanzlichen Ursprungs, wie das Leinöl. Die Produkte kennen in der Regel keine Lösemittelproblematik und sind meist auch für Kinderspielzeuge geeignet. Damit hat die Pflanzenchemie eine wichtige Rolle als Treiber im Gesamtangebot übernommen. Heute bieten auch klassische Lackhersteller Wachs- und Ölpräparate mit unbedenklichen Inhaltsstoffen an. Natürliche Oberflächen liegen voll im Trend und sind in weiten Kreisen salonfähig geworden. Mit hoher Reparaturfreundlichkeit ausgestattet und einer Reihe von selbst formulierten Auflagen bei den Naturfarbenherstellern, kommen diese dem Nachhaltigkeitsgedanken nahe.
Die Sache mit den Zwergen
Nano, was soviel bedeutet wie Zwerg, war vor wenigen Jahren zum Modewort geworden. Auf einmal fand sich Nano nicht nur in nahezu jedem Joghurt oder Shampoo, sondern vor allem auch in Marketing-Aktionen. Das Ende dieser Dauerwerbesendung für die vielversprechende Technologie folgte so abrupt wie ihr Aufstieg. Verantwortlich dafür waren mangelnde Kenntnisse für eine Risikoeinschätzung sowie fehlende Langzeituntersuchungen. Man wusste lediglich, dass die menschliche Lunge und der Magen-Darm-Trakt die Nanoteilchen gut aufnehmen können. Doch ob oder wie sie dorthin gelangen und in welcher Form sich die Zwerge überhaupt in der Umwelt bewegen können, darüber entbrannte ein Diskurs, der die Konsumenten auf den Plan rief.
Man erkannte den weiteren Forschungsbedarf um Risiken und Nebenwirkungen. Nanoskalige Teile werden schon lange eingesetzt, nicht nur in der modernen chemischen Industrie, sondern auch in alten Rezepturen. Aber das Verhalten von Nanobeschichtungen im Lebenszyklus ist bislang insgesamt nur rudimentär erforscht. Eine wissenschaftlich anerkannte Studie vom Verband der Chemischen Industrie aus Deutschland, lieferte für typische Anwendungen der Nanotechnologie in Beschichtungen klare Ergebnisse. „Wer Nano-Lack schleift, erzeugt normalen Schleifstaub, keinen Nano-Schleifstaub“, erläutert Harald Krug, Spezialist für Nanotoxikologie an der Empa in Zürich, die Ergebnisse. Und die Untersuchungen haben auch gezeigt, dass beim Verbrennen die Nanocharakteristika verloren gehen. In Müllverbrennungsanlagen werden die verschiedenen häufig in Nanoprodukten verwendeten Kohlenstoffoxide bei 1200 °C verbrannt, Metalloxide werden zumindest gesintert und sind damit ihre Nanoeigenschaften los.
Wasser statt Lösungsmittel
Wer kennt es nicht: Man öffnet im Hotel den Kleiderschrank und schließt diesen gleich wieder. Die Wäsche bleibt draußen, weil einem eine Wolke an Lackgeruch entgegenkommt. Ein Problem, das es mit Wasserlacken nicht gibt, neben einigen anderen. Doch natürlich hat der Wasserlack auch nachteilige Aspekte, vor allem wenn es um die Umstellung von Gewohnheiten geht. Vielleicht sind deshalb nach wie vor viele Schreiner beim Einsatz von Wasserlack für Möbel und den Innenausbau eher zurückhaltend. Obwohl mit weiteren guten Eigenschaften wie hohe Oberflächenhärte, große Elastizität und bei der Verarbeitung gesundheitlich vorteilhaft ausgestattet, weicht die Skepsis bei den Schreinern nur langsam. Die wässrigen Systeme haben sich gemacht und die Nachteile werden geringer. Die Trockenzeiten sind immer noch länger und benötigt werden etwas höhere Temperaturen, aber die Eigenschaften werden immer besser.
Stand der Technik von morgen
Wäre es nicht toll, wenn sich die kleine Delle oder der Kratzer auf der lackierten Tischfläche wie von Geisterhand innerhalb einer Stunde selbst beseitigt? Solch kleine Wunder sind längst möglich durch den Einsatz von sogenannten Funktionslacken, auf Neudeutsch: „Smart Coatings“.
Größere Wunder dauern noch, aber die Forschung daran läuft intensiv in der Lack- und Farbenbranche. „Der technische Fortschritt ermöglicht laufend neue, frappante, oftmals sogar bisher sich ausschließende Effekte. Die Forschung und Entwicklung steht hier noch am Anfang einer Erfolgsgeschichte“, zeigt sich Albert Rössler überzeugt.
Gegen die Kratzer der Hauskatze am Möbelbein ist noch kein Lack entstanden, aber heute muss sich der Liebling der Familie unter Umständen deutlich mehr anstrengen, bis die eindeutigen Spuren so richtig zur Geltung kommen.
Gerade bei der Kratzfestigkeit sind Lacke mittlerweile deutlich besser eingestellt. Aber Ansprüche gibt es viele: Antibakterielle Beschichtungen für den Einsatz in Krankenhäusern oder professionellen Küchen. Solche, die auf Zytotoxizität hin getestet sind und damit keine Reaktionen bei Hautkontakt hervorrufen. Ferromagnentisch wirkende, luftreinigende und selbstreinigende Beschichtungen, solche, die schwer entflammbar sind und andere, die sich auch in dunkler Farbpigmentierung nur wenig erwärmen. Und natürlich Lacke, die sich selbst reparieren können.
Doch damit nicht genug. In den Labors zwar erforscht, aber noch Zukunftsmusik sind weitere Eigenschaften von Lacken, die fotovoltaische Effekte erzielen und damit Sonnenlicht in Energie umwandeln können. Oder auch solche, die schaltbar sind oder vor elektromagnetischer Strahlung schützen. Alles kein Thema für den Schreiner? „Smart Coatings, also klassische Beschichtungen mit zusätzlichen intelligenten Eigenschaften, haben in den letzten Jahren bereits erheblich an Bedeutung gewonnen. Davon profitiert auch der Schreiner“, so Rössler.
Bei der Strategie mit mechanischen Beanspruchungen umzugehen, gibt es zwei unterschiedliche Ansätze: Vermeidung und Selbstheilung von Dellen und Kratzern. „In der Holzbranche sehe ich die Verarbeitung solcher Produkte zurzeit eher in der Industrie, wie beim Parkett. Für den Schreiner und dessen Kunden sollte das verwendete Lackmaterial eher die Beschädigungen verhindern können durch die Anti-Scratch-Ausstattung, wodurch ein Zerkratzen der Oberfläche minimiert wird. Das schlägt sich auch nicht wirklich im Preis der Lacke nieder und ist deshalb interessanter als eine selbstheilende Oberfläche“, erklärt Richard Schreiber, zuständig für Technik und Verkauf bei der Hesse GmbH & Co. KG.
Wichtig dabei: Solche Effekte lassen sich nicht nur mit Farblacken erzielen, sondern auch mit entsprechend eingestellten Klarlacken. Und entgegen an mancher Stelle verkündeter Notwendigkeit von Infrarot- Trockenstrahlern, brauchen funktionelle Lacke diese nicht zwingend. „Sie können sowohl konventionell als auch forciert getrocknet werden. So vielfältig wie die Funktionen können auch die Verarbeitungseigenschaften an die Wünsche angepasst werden. Das kann in Form von Ein- oder Zweikomponenten- sowie als UV-härtendes Lacksystem der Fall sein“, betont Rössler.
Vielleicht einfach mal weglassen
Nicht immer braucht das Holz eine Beschichtung. In manchen Fällen wäre es sogar ziemlich Fehl am Platz. Etwa bei den Arvenholzstuben im Alpenraum. Der Duft der Zirbelkiefer wäre kaum wahrnehmbar, wenn die Möbel und der Innenausbau beschichtet wären. Genauso das Schrankinnere aus Zedernholz, das gefräßige Motten von den Kleidern fernhalten soll. Damit die Lärche im Außenbereich ihre typisch silbrig-graue Farbe entwickeln kann, braucht es ebenso keinen Anstrich. Aber auch in anderen, weniger offensichtlichen Fällen, kann man durchaus einmal überlegen, ob es eine Beschichtung überhaupt braucht. Denn wenn die Aktenordner auch den Lack des Regals verkratzen, könnte man sich diesen ja auch sparen. Und stattdessen einfach nur schleifen. I

Die BM-Serie im Überblick: Facetten der Nachhaltigkeit
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie.
Darin geht BM der Frage nach, wie nachhaltiges Handeln in der Schreinerei aussehen kann. Im Fokus steht insbesondere die praktische Relevanz des wenig greifbaren Begriffes der Nachhaltigkeit im Tischler- und Schreinerhandwerk.
Die Hauptbeiträge im Einzelnen:
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Schallmessung in der Praxis: Michael Fuchs (r.) und Simon Holzer bei raumakustischen Messungen in einem Objekt (Friseursalon Max in Wallersdorf). Foto: Barbara Kohl, Kleine Fotowerkstatt
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