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Die Werkstatt als Statement

Ästhetik ist ein wichtiges Kriterium für die Einrichtung einer Werkstatt
Die Werkstatt als Statement

Schreiner und Tischler überzeugen ihre Kunden mit schönen, brauchbaren Produkten, die sie selbst herstellen. Doch nicht nur das: Wer potenziellen Kunden seine Werkstatt zeigt, kann dadurch einen bleibenden Eindruck hinterlassen und die möglicherweise ausschlaggebenden Punkte für deren Entscheidung einfahren.

Martin Buck

Hohe Gestaltungskompetenz gehört bei Tischlern und Schreinern heute dazu. Das leisten Inhaber, Meister oder auch angestellte Innenarchitekten und Designer. Gutes Design ist ein erheblicher Wettbewerbsvorteil. Und es führt im Dialog mit den Kunden an vielen Stellen zu herausragenden Ergebnissen. Wenn man sich dann aber die Werkstätten dieser Tischlereien mit grundsätzlich hoher Gestaltungskompetenz ansieht, erkennt man, dass dieses Wissen dort selten angewendet wird. Gleichzeitig verwenden Tischler sehr viel Zeit und Energie mit dem Bau eigener Ausstellungsräumlichkeiten. Warum verbindet man eigentlich nicht die Notwendigkeit einer aussagekräftigen Ausstellung und die Notwendigkeit einer organisierten Werkstatt zu einer Gesamtaussage? Das hat die Tischlerei „zon Eichen – Handwerk und Interior“ mit beeindruckendem Erfolg getan.

Schönheit kommt von innen – Tischlerei zon Eichen auf neuen Wegen

Über die einzigartige Unternehmensphilosophie, das Gebäude und die gläserne Ausstellung von zon Eichen mit Sitz in Kreuztal-Eichen haben wir ausführlich in BM 1/2020 berichtet. In diesem Beitrag nun liegt das Augenmerk auf der Rolle, die die Gestaltung der Werkstatt in dieser Philosophie spielt. Das Gebäude hat zwei Etagen: die Tischlerei im Erdgeschoss und die Ausstellung im Obergeschoss. Das Besondere i st, dass der mittlere Bereich des Gebäudes über zwei Etagen offen ist, sodass die Ausstellung im Obergeschoss als Galerie um die Werkstatt herumläuft. Man kann sie dadurch von überall aus einsehen. Betritt ein Besucher das Gebäude, wird er zunächst über eine Treppe in die obere Etage geführt. Dort fällt dann der erste Blick auf das Absaugrohr des CNC-Bearbeitungszentrums, das wie eine Skulptur von unten in den lichten Innenhof ragt. Dieser Blick – vorbei bzw. durch absolut hochwertige und designstarke Möbel auf das profane Metallrohr beschreibt eigentlich bereits die gesamte Gestaltungsidee. Der Arbeitswelt Tischlerei wohnt – wie jeder Welt – eine komplett eigene Ästhetik inne. Diese Ästhetik professionell und gezielt zu nutzen, zeigt eine unglaublich hohe Gestaltungskompetenz. Und eigentlich liegt diese Idee doch so nahe.

Notwendigkeit einer aussagekräftigen Ausstellung

Das Hauptbedürfnis eines potenziellen Kunden besteht ganz wesentlich auch darin, die Kompetenz des Schreiners bzw. Tischlers zu ermitteln. Dabei ist die technisch-konstruktive Leistungsfähigkeit für Kunden längst nicht so offensichtlich – und häufig auch nicht so wichtig – wie die gestalterische Kompetenz. Das zeigt sich in der gefühlten Notwendigkeit einer Ausstellung. Alle Produkte des Schreiners haben einen praktischen Nutzen, was sie von Kunstgegenständen unterscheidet. Zusätzlich sollen sie schön sein. Das Können besteht also darin, den ästhetischen Eindruck und die praktische Nutzbarkeit miteinander zu verbinden. Das gilt für Küchen, Büroeinrichtungen, Badezimmermöbel, TV-Möbel, aber auch für Treppen, Fenster und Türen. Wer schon einmal versucht hat, eine Tür durch absolute Symmetrie „schön“ zu gestalten, ist spätestens am „praktischen“ Türgriff gescheitert. Genau diese Handwerkskunst soll oft durch eine Ausstellung demonstruiert und unter Beweis gestellt werden.

Einblicke: Wunsch nach einem Werkstattrundgang

Ein weiteres Bedürfnis, das Kunden haben, ist der Blick in die Werkstatt. Die meisten Schreiner sind sich einig, dass Kunden neugierig auf die Räume sind, in denen ihr Produkt gefertigt wird. Für den Schreiner selbst, der täglich in der Werkstatt arbeitet, erscheint das manchmal unverständlich. Aber wer sich historische Fotos von Werkstätten und Arbeitern ansieht, merkt, wie interessant, authentisch und spannend solche Einblicke sind. Ähnlich erleben das Kunden beim Besuch einer Tischlerwerkstatt. Häufig aber ist es dem Tischler unangenehm, den Kunden in seinen chaotischen Betrieb zu lassen. Das ist eine vergebene Chance. Nutzen Sie die Werkstatt als Visitenkarte für ihre handwerkliche und gestalterische Kompetenz!

Ich sprach kürzlich mit einem Tischlermeister. Er erzählte mir etwas sehr Interessantes, das mich aufhorchen ließ: „Holzfenster baue ich nur noch selten selbst, meistens kaufe ich sie zu. Im Nachbarort gibt es einen Holzfensterbauer mit modernster Fertigung. Wenn ich mit meinen Kunden dort einen Rundgang mache, bekomme ich den Auftrag meistens!“ Das zeigt, wie stark und nachhaltig der Eindruck einer Werkstatt die Kaufentscheidung beeinflusst. Der Kunde kauft noch nicht einmal bei dem Besitzer der Werkstatt, sondern bei dem, der ihm den Rundgang ermöglicht hat. Also eigene Kundenbindung funktioniert auch durch einen Werkstattrundgang im Kollegenbetrieb.

Notwendigkeit einer organisierten Werkstatt

Der Basisbegriff einer organisierten Werkstatt ist „Ordnung und Sauberkeit“. Aber wann ist etwas ordentlich? Ordnung basiert auf einer eindeutigen Struktur, die sofort erkennbar ist. Das bedeutet, sie lebt von ihrer Sichtbarmachung, sodass die Logik für jeden möglichst intuitiv nachvollziehbar ist. Spätestens bei diesen Begriffen beginnt eigentlich bereits professionelles Design.

Hier wird deutlich, wie stark gute Gestaltung in einer organisierten Werkstatt hilft: Gutem Design liegt beispielsweise immer ein Raster zugrunde – auch in einer Werkstatt bedeutet Raster Ordnung. Gutes Design hat Durchgängigkeit. Auch in einer Werkstatt sollten keine unterschiedlichen Insellösungen die Übersichtlichkeit behindern. Gutes Design nutzt Ähnlichkeit und Kontrast, um auf bestimmte Elemente hinzuweisen. Auch in einer Werkstatt muss gezielt auf bestimmte Dinge hingewiesen werden. Gutes Design verwendet Semantik, um intuitiv zu funktionieren. Auch die Einrichtung einer Werkstatt sollte intuitiv richtig zu erfassen sein. Gutes Design nutzt dafür geometrische Formen oder Freiformen, Farben, Materialien. Und, das mag verwundern: Gutes Design wird durch die Nutzung all dieser Prinzipien einzigartig, unverwechselbar. Was für eine tolle Visitenkarte für einen Handwerksbetrieb ist also eine Werkstatt, die diesem guten Design folgt!

Auf die Ausstrahlung des Ganzen kommt es an

Große Konzerne nutzen dieses Mittel schon lange als Kompetenzbeweis. Der Tischler kann seinen Kunden damit ein unvergessliches Erlebnis schaffen. Und mit solch einer „Designwerkstatt“ erschlägt man drei Fliegen: Man erhält eine effiziente Produktion durch optimale Prozesse, ermöglicht dem Kunden einen Einblick in die Arbeitswelt Tischlerei und vermittelt ihm dabei quasi nebenbei die hohe Designkompetenz des Unternehmens.

Der Gang durch eine auf diese Art und Weise gestaltete Werkstatt kann Ausstellungsräume ergänzen, vielleicht ersetzen – wenn nicht sogar an mancher Stelle übertreffen. Hat man seine eigene Arbeitswelt „Werkstatt“ so gestaltet, kann man Kunden, die genau das fordern, leicht überzeugen (z. B. für Arztpraxen, Büros, Apotheken etc.).

Dabei ist es nicht entscheidend, ob der Kunde die Werkstatt bewusst als gestaltet wahrnimmt, sondern es kommt auf die Ausstrahlung des Ganzen an. Dann werden Einrichtungsentwürfe nicht als zufällige Treffer vom Kunden gewertet, sondern als professionelles Ergebnis.

Werkstatteinrichtung: Einheitlich statt Resteverwertung

Der einfachste Weg dabei ist es, ein durchgehendes Konzept zu verwenden: Man baut die in der Werkstatt benötigten Möbel (Lagerregale, Werkzeugschränke, …) nicht aus Plattenresten, sondern in einem einheitlichen Design. Und das kann durchaus bewusst auffälliger sein als nur Reinweiß. Aber es kann so weit gehen, dass auch Maschinen als Designelemente verwendet werden. Das ist über die Farbgebung hinaus inzwischen bei einigen Tischlern und Schreinern durchaus der Fall. Im Sinne der Designwerkstatt ist es eine Überlegung wert, beim Maschinenkauf zu berücksichtigen, welchen Eindruck ein Maschinenpark als „Familie“ macht, der von einem Hersteller in einem Gestaltungskonzept entwickelt worden ist. Zumindest kann man diese Designfamilien als Beispiel dafür nehmen, wie es Design schaffen kann, in Form und Funktion völlig unterschiedlich Produkte so zu gestalten, dass sie trotzdem zusammengehören. Wenn das in der eigenen Werkstatt gelingt, braucht man seine Kunden nach dem Rundgang nicht mehr zu überzeugen, dass man Gestaltungskompetenz hat.

Die ganze Kraft des Designs entfalten

In der Tischlerei zon Eichen ist diese Idee noch weitergeführt worden. Hier findet der Rundgang durch die Werkstatt nicht in, sondern über ihr statt. Verbunden mit der Ausstellung wird gezielt mit dem Kontrast zwischen Endprodukt, Ausgangsmaterial (Platten und Massivholz) und Produkten in Bearbeitung gespielt. Der Lärm einer Werkstatt, den Besucher durchaus als sehr unangenehm wahrnehmen, wird durch schalldämmendes Glas verringert.

Für das Ergebnis bei zon Eichen haben viele Faktoren eine Rolle gespielt. Aber der Sinn für Ästhetik war immer dabei. Und dieses Verständnis von Gestaltung gilt auch für die – häufig lediglich technisch betrachtete – Werkstatt. Bei zon Eichen wird sichtbar, welche Kraft Design hat, wenn es als Gesamtkonzept verstanden wird – sowohl von Inhaber und Marketingagentur als auch vom Maschinenhersteller und von den Werkstattplanern.


Der Autor

Martin Buck plant Werkstatteinrichtungen in Tischlereien. Er ist Diplom-Industriedesigner (FH) und Schreinermeister. Aus diesen beiden Professionen heraus liegt ihm das Thema „Ästhetische Gestaltung einer Werkstatt“ besonders am Herzen.

www.buckoptimal.de

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