Schreiner in Mali

Hobelbank am Straßenrand

In Mali ist der Berufsstand der selbstständigen Handwerker nicht sonderlich angesehen. Dieser Tätigkeit geht man nur nach, wenn sich keine andere Alternative zum Gelderwerb bietet. Dabei haben ausgebildete,clevere Handwerker auch in dem westafrikanischen Sahelland durchaus gute Verdienstchancen. Das jedenfalls ,predigt‘ Schreinermeister und Entwicklungshelfer Harald Machowski ,seinem‘ Berufsstand im westmalischen Kayes.

Der Jeep rumpelt über eine staubige Seitenstraße im Zentrum von Kayes. Die zahlreichen Schlaglöcher im Lehm lassen sich kaum umfahren. In der Regenzeit, von Ende Juni bis August, ist das hier ein einziges, unbefahrbares Matschloch. Doch jetzt im Winter ist es trocken und bei 30 Grad angenehm „kühl“. Das Leben in Kayes, im äußersten Westen von Mali, pulsiert: Auf dem Markt haben die Verkäuferinnen dicke, rote Tomaten zu einer Pyramide aufgetürmt. Daneben liegen Mangos, Zwiebeln, Paprika, Papayas und staudenweise Bananen. „Bis vor einigen Jahren gab es hier kaum Obst und Gemüse zu kaufen“, erzählt Harald Machowski, „angeblich gab es dafür keine Nachfrage.“

Mit diesem Argument wurde der 46-jährige Entwicklungshelfer, der seit 1999 für den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in Mali arbeitet, häufig konfrontiert. Tradition wird in dem westafrikanischen Binnenland groß geschrieben, Neuem gegenüber sind die zwölf Millionen Einwohner nicht sehr aufgeschlossen. Die Frauen bereiten ihre tägliche Reis- oder Hirsemahlzeit auf dem Holzkohlefeuer genau so zu, wie es schon ihre Urgroßmütter getan haben. Auch die Bestellung des Ackers per Hand, der Hausbau aus Lehm oder das Schneidern der farbenfrohen„Boubous“ geht mit der Tradition einher. Nur manche Dinge, die das Fernsehen selbst in die abgelegene Region Kayes ins Bewusstsein der Leute rückt, verbreiten sich schnell. Zum Beispiel Coca-Cola, Jeans oder Perücken mit glattem Haar.
Da in den wenigsten amerikanischen oder brasilianischen TV-Serien Handwerker eine Rolle spielen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich das Ansehen oder die Arbeitsweise der Handwerker in Mali von alleine ändert. Darum hat der Deutsche Entwicklungsdienst in Kooperation mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) das Projekt „Förderung des Handwerks“ ins Leben gerufen. Es gibt vier Standorte, verteilt im ganzen Land, das dreieinhalb mal so groß ist wie Deutschland. Schwerpunkt ist die Beratung der Betriebe, aber auch die Ausbildung und die Selbstorganisation der Hand-werker soll verbessert werden.
Mit „Zuhören, Sehen, Beobachten“, verbrachte Harald Machowski seine ersten Arbeitswochen in Kayes. Die erste Bestands-aufnahme nach zahlreichen Betriebsbesichtigungen fiel sehr negativ aus: „Die Qualität der Produkte war schlecht. Die Werkzeuge wurden falsch benutzt oder nicht gewartet. Es gab weder eine Kosten- noch Preiskalkulation. Rohstoffe und Energie wurden verschleudert, obwohl eigentlich kein Geld da war. Es gab keine Buchhaltung, Einnahmen wurden als Gewinn gesehen und sofort ausgegeben. Es fehlte unternehmerisches Denken und Handeln.“
Dass er so viel Aufbauarbeit leisten müsste, war dem gebürtigen Hessen nicht bewusst als er 1998 das Angebot des DED bekam, noch einmal drei Jahre als Entwicklungshelfer zu arbeiten. Bereits als Zivildienstleistender war er für den DED tätig, insgesamt blieb er sechs Jahre in Benin und managte ein Wasserversorgungsprojekt. Dort hatte er auch seine Frau kennengelernt und geheiratet.
Als die erneute Anfrage vom DED kam, war Töchterchen Aisha kurz davor, das Licht der Welt zu erblicken. Als selbstständiger Schreiner, der im eigenen Betrieb in Südfrankreich Massiv-holzmöbel und Treppen baute und sich gleichzeitig um seine kleine Niederlassung bei Oldenburg kümmerte, die für Reparaturen und den Vertrieb zuständig war, hatte der engagierte Handwerkschef zu dieser Zeit 12-Stunden-Tage, auch an Wochenenden.
In Mali hingegen gehen die Uhren etwas anders und vor allem bleibt dem Entwicklungshelfer stets ein freies Wochen-ende – das in dem moslemischen Land donnerstags und freitags ist. Während seine beiden Betriebe in Europa ruhen, bemüht sich Harald Machowski intensiv, alle Betriebe kennen zu lernen und vor allem, das Vertrauen der Handwerker zu gewinnen.
Bei Fonfo Keita ist ihm das auf Anhieb gelungen. Der Schreiner gehört zu den wenigen Handwerkern, die sich die Ratschläge und die Kritik des „Tubabs“, wie die Weißen in der Lokalsprache Bambara heißen, zu Herzen nahmen. Seit 1989 ist Fonfo selbstständig tätig. Seine „Werkstatt“ teilt er sich aus Kostengründen mit zwei Kollegen, jeder arbeitet aber auf eigene Rechnung. Die Werkstatt unterscheidet sich nicht von denen anderer Handwerker: Am Straßenrand unter freiem Himmel steht die Hobelbank. Das Material lagert daneben – nur in der Regenzeit kommt es unter den wackligen, strohgedeckten Stand, der notdürftig mit einer Plane abgedeckt wird. Die Bretterbude dahinter ist Lager- und Verkaufsraum zugleich. Kleine Regale, Schemel, kantige Stühle und einfache Tische stehen darin – eben das typische Warenangebot eines Schreiners in Mali. „Hier hat einer eine Idee und zehn weitere kopieren sie“, erläutert Harald Machowski. Die Handwerker würden sich den kleinen Markt selber kaputt machen, weil sie nur durch gegenseitiges Unterbieten ihre Produkte verkaufen könnten. „Das gilt hier übrigens für alle Gewerke, vom Goldschmied bis zum Metallbauer.“ Dass man neue Modelle kreieren muss, verschiedene Hölzer und Materialien kombinieren kann oder Farbe einsetzt, auf diese Idee hat Harald Machowski die Handwerker gebracht. Fonfo Keita hat die Ideen mit großem finanziellen Erfolg in die Tat umgesetzt. Für die neue Patisserie am Fluss beispielsweise hat er die Stühle und Tische gefertigt: schöne, zierliche Möbel mit filigran gedrechselten Rückenlehnen, Tisch- und Stuhlbeinen. Man merkt ihm an, dass er stolz darauf ist. Und auch sein deutscher „Meister“ ist zufrieden, spornt den vierfachen Vater aber zu weiterer Qualitätsarbeit an.
In punkto Qualität hapert es nämlich noch bei den meisten Handwerkern. Bei seiner nächsten Betriebsbesichtigung muss Harald Machowski wieder deutliche Worte reden: „Ich hab‘ Dir doch schon tausend Mal erklärt, dass das Holz arbeiten muss“, sagt er auf Französisch zu Mahamadou Cissé, „es kann sich nicht zusammenziehen, wenn ihr dort die Nägel reinhaut.“ Stimme und Augenrollen verraten es: Der Entwicklungshelfer ist sauer und enttäuscht. Haben seine Erklärungen und die Weiterbildungskurse auch nach fast drei Jahren nichts gebracht?
Als Deutscher verliert man in Mali schnell die Geduld, denn an die allgemeine Langsamkeit und den Fatalismus kann man sich nur schwer gewöhnen. Allerdings vergisst man oft, dass die Lebensbedingungen dort schwierig sind. 90 Prozent der Handwerker sind Analphabeten, und selbst wer in der Schule war (das sind nur 25 Prozent der Gesamtbevölkerung) hat nicht viel gelernt. Bis zu 100 Kinder sitzen in einer Klasse, nach französischem Vorbild plappern sie im Chor hinterher, was der Lehrer ihnen vorsagt. Selbstständiges Arbeiten und Denken ist nicht gefordert, jegliche Kreativität wird im Keim erstickt. Berufsausbildungen fehlen und an den Univer-sitäten lernen die Studenten nur auswendig.
Hinzu kommt, dass viele Regionen in Mali „Härtestandorte“ sind, wie Harald Machowski es formuliert. Kayes ist ein solcher Härtestandort, weil er sehr schwierig zu erreichen ist. Die Pisten sind in der Regenzeit gar nicht zu befahren und die Eisenbahn, die von der Hauptstadt Bamako über Kayes in den Senegal und wieder zurück rattert, ist unzuverlässig und braucht mindestens zwölf Stunden für die 494 Kilometer. Uralte LKW, denen man nicht die Fahrt um die nächste Kurve zutraut, sind oftmals die ein-zigen Transportmittel für Güter und Personen.
Kayes ist die heißeste Stadt in Westafrika, selbst in Timbuktu, am Rande der Sahara ist es kühler. Im Sommer herrschen in Kayes Backofentemperaturen von 50 Grad im Schatten – und das auch nachts. Wenn dann noch das Wasser knapp und abgestellt wird, die Wasserkraftwerke am Fluss Senegal nicht mehr arbeiten, der Strom wochenlang ausfällt, dadurch die Klimaanlagen eine Zwangspause einlegen, „dann kann man hier wirklich kaum noch arbeiten“, gibt der Entwicklungshelfer zu. Aber: All das sei keine Entschuldigung für schlampige Arbeit das ganze Jahr über, findet der Schreinermeister. Und mit seiner Kritik hält er nicht hinterm Berg. „Am Anfang bin ich auf starke Ablehnung gestoßen.“ Kritik zu äußern ist in Mali nämlich verpönt. Doch das stört Harald Machowski wenig, schließlich will er die Handwerker fördern und fordern. Dabei kann er auf einige Erfolge verweisen. Zum Beispiel hat er in Mali den Leim eingeführt. „Vorher wurde hier alles genagelt“, sagt der 46-Jäh-rige. Heute werde in den meis-ten Betrieben in der Region das Holz verleimt. „Natürlich wussten die Schreiner auch nicht, dass zum Verleimen auch Druck erforderlich ist“, erzählt er weiter. „Da es zu teuer war, Zwingen zu kaufen, habe ich zusammen mit ihnen neue Zwingen aus Holz entwickelt.“
Auch den Unternehmergeist hat Machowski bei dem einen oder anderen Handwerker geweckt. „Das ist hier ähnlich wie in Deutschland, die meisten sehen sich als Handwerker und Techniker, aber verstehen sich nicht als Unternehmer.“ In Seminaren hat der Entwicklungshelfer erklärt, was zur Betriebsführung alles dazugehört und wie man für sich neue Märkte erschließt. Dabei hatte er schon Vorarbeit geleistet und potenzielle Kunden akquiriert: 90 Kilometer von Kayes entfernt befindet sich eine profitable Goldmine. Rundherum ist eine Kleinstadt entstanden, mitten im Busch. „Die Büros und Wohnungen mussten möbliert werden. Das war ein großer Markt.“ Also ist Harald Machowski zur „Goldgräberstadt“ gefahren und hat für „seine“ Handwerker geworben. Statt Möbel aus Europa einzufliegen, könnte man es billiger vor Ort haben, argumentierte er. „Billiger bestimmt, aber zu gleicher Qualität?“, lautete die skeptische Gegenfrage. „Natürlich“, entgegnete der DED-Mann und fuhr mit einem Probeauftrag nach Hause.
In den Wochen darauf wurde der Schreinermeister nicht müde, seinen malischen Kollegen einzuschärfen, dass sie nur mit ausgezeichneter Qualität weitere Aufträge vom Management der Goldmine bekommen würden. Täglich kontrollierte er den Fortgang der Arbeit, mahnte, kein feuchtes Holz zu verarbeiten, gab den Möbeln hier und da den letzten Schliff. Und auch bei den anderen zuliefernden Gewerken, etwa bei den Schweißern, die die Tischgestelle formten, schaute der gelernte Werkzeugmacher nach dem Rechten. Die Mühe hat sich gelohnt: Die Minenmanager waren sehr zufrieden und orderten weitere Möbel.
Das erfolgreiche Geschäft sprach sich in Kayes schnell rum. Zahlungskräftige Privatkunden fuhren nicht mehr in die Hauptstadt Bamako, sondern schauten sich die ,Auslage’ der heimischen Bettenbauer am Straßenrand an. Und die Regierung erteilte einen Großauftrag für Schulbänke.
Ende Dezember läuft Machowskis Vertrag in Mali aus. Der 46-Jährige wird sich wieder seinen beiden Betrieben in Europa zuwenden.
Ob die Handwerker ihre Arbeit selbstständig fortsetzen werden? Ob die einzelnen Gewerke weiterhin zusammenarbeiten werden? Der scheidende Entwicklungshelfer weiß es nicht genau, hofft aber darauf. „Die guten Geschäfte einzelner Handwerker haben auch die Skeptiker überzeugt“, weiß er. Und Geld verschafft auch in Mali Ansehen und Einfluss.
Claudia Schneider

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