Besuch beim Drehorgelbauer in Volgelsheim im Elsass

Klang der Perfektion

Selbst gedrehte Messingschrauben, feine Intarsien, verzugsfreie Holzwalzen drehen, Hunderte Orgelpfeifen stimmen: Dies sind nur einige der vielen Anforderungen an Johann Gebert, der den Beruf des Drehorgelbauers noch gelernt hat.

Christine Speckner

An einem Vormittag erklingt eine Tanzmelodie aus einem alten Gasthaus. Hier, in der Rue Neuf Brisach, im elsässischen Volgelsheim, meint man, ein Orchester spielen zu hören. Betritt man die Orgelwerkstatt im ehemaligen Restaurant, spielen weder Pianist, Flötist noch Geiger. Allein aus einem Kasten kommt die Musik. Das sogenannte Orchestrion ähnelt einem großen Schrank mit beeindruckenden Maßen: Fast 3 m breit und über 2 m hoch. „Dieses Instrument stand in einem Kaffeehaus“, sagt Gebert. Es wurde von der belgischen Firma Mortier 1922 in Antwerpen als Tanzorgel gebaut. Das Technik-Museum Speyer hat ihn mit der Restaurierung beauftragt. Für das Orgelwerk waren 3000 Arbeitsstunden notwendig. Und weitere 1500 Stunden für die Fassade. „Bis jetzt“, sagt Gebert. Sicher werden es mehr. Zwei Jahre hat er Lösungen gesucht und gefunden, um dieser Orgel wieder einen hervorragenden Klang zu entlocken. „Jede Restaurierung ist eine Gratwanderung“, sagt er. Sie fordert viele Entscheidungen und Fertigkeiten.

Mehr als ein Leierkasten

Die älteste mechanische stationäre Drehorgel, der Salzburger Stier, wurde 1502 errichtet. Sie ist heute noch auf der Festung Hohensalzburg zu hören. Im 18. Jahrhundert waren Drehorgeln in vielen Ländern Europas verbreitet. Aus der Drehorgel entstanden transportable Straßenorgeln. Während diese zwischen Jahrmärkten oder Volksfesten hin und her transportiert wurden, handelt es sich beim Orchestrion um ein ortsfestes Instrument. Angetrieben wurden Orchestrien anfangs mit Gewicht oder Kurbel, gelegentlich auch mit Dampfmaschine, Gas- oder Wassermotor. Später meist mit Elektromotor.

Die Musik wurde mit einer Stiftwalze aus Holz, später mit Notenrollen, gelegentlich auch durch gelochte Scheiben oder Kartonstreifen auf das Instrument übertragen. Durch die Erfindung von Radio und Schallplattenspieler brach der Verkauf weltweit ein, die Herstellung wurde eingestellt.

Viele Werkstätten

Die Werkstattführung zeigt die Vielseitigkeit des Drehorgelbauers. Genau genommen braucht Gebert nicht eine Werkstatt, sondern mehrere: Ein paar Schritte über den Hof liegt im Nebengebäude seine Schreinerei, dort, wo früher die Kegelbahn der Gaststätte war. Bei Neubau und Restaurierung kommen mehrere Holzarten zum Einsatz. Eiche und Nussbaum für den Kasten, Erle häufig für den Innenbereich. „Buchs nehme ich für Griffe und kleine mechanische Teile, da er schön, fein und hart ist.“ Für die Gestaltung von Intarsien, welche die Fassade einer Drehorgel schmücken, verwendet Gebert zum Beispiel Eben- oder Veilchenholz. Er hat einen Furnierbestand aus über 50 verschiedenen Holzarten. „Intarsiengestaltung mit ungefärbten Hölzern in reiner Handarbeit ist selten geworden. Die meisten Orgelbauer verwenden leider computergelaserte Intarsien aus Italien, denen die Handschrift vollkommen fehlt.“ Daneben hat er eine eigene Bronzegießerei. „ Da mein Zulieferer seine Tätigkeit eingestellt hat, blieb mir nichts anderes übrig.“ Seitdem stellt er auch alle Bronze-Gussteile, unter anderem Drehorgelgriffe, selbst her. Auch eine Metallwerkstatt gehört zur Ausstattung. Hier fertigt er fast alle mechanischen Teile, auch Zahnräder und Kurbelwellen. Die Lederbearbeitung von Ventilen, Dichtungen und Blasebälgen beherrscht er ebenfalls.

Tausende Arbeitsschritte

Nach 36 Jahren Berufserfahrung ist Gebert heute vor allem bei Restaurierungen gefragt. Seine Auftraggeber sind Museen und Orgelstiftungen, selten Privatleute. Die restaurierte Mortier-Orgel, vor der er jetzt in seiner Werkstatt steht, war überall beschädigt, beim Verladen war sie heruntergefallen und durch Feuchtigkeit hatte sie stark gelitten. Den Kasten hat er neu gefertigt und das komplette Innenleben akribisch auseinandergenommen, repariert, teilweise ersetzt und wieder zusammengebaut. Der Aufwand kommt fast einem Neubau gleich. Bei seiner Arbeit orientiert sich Gebert an historischen Katalogbildern, die das baugleiche Orchestrion im Original zeigen. Zusätzlich werden die Pfeifen intoniert, so erhält die Orgel ihren Charakter. „Dafür brauche ich keine Hilfsmittel, ich bin nahe am absoluten Gehör“, so Gebert. Die Mortier-Orgel hat 320 Pfeifen. Jede musste er mehrmals in die Finger nehmen.

Keine Kompromisse macht er bei der Klangqualität. Deshalb werden für die Luftführung schon mal 350 Meter Bleileitungen im Orgelwerk verlegt. „Kunststoffschläuche sind tabu, die verlieren mit der Zeit Oberflächenspannung.“ Oder er wickelt von Hand eine Woche lang einen Elektromotor neu, „weil ich keinen mehr habe, der das macht.“ In der Werkstatt stehen Einzelteile der Fassade, die ebenfalls restauriert wurden. Gebert zeigt ein Foto von dem Zustand, wie sie seine Werkstatt erreichte: Alles war plump mit gelber Farbe überstrichen. Jetzt strahlt sie in Originalfarben, Ornamente und Profile hat er mit Blattgold belegt.

Von der Pike auf gelernt

Das Talent fürs Kunsthandwerk liegt übrigens in der Familie. Geberts Mutter ist Künstlerin, sie hat etliche Märchenbücher illustriert. Den Beruf des Drehorgel- und Schaustellerorgelbauers hat Johann Gebert im Hotzenwald gelernt. Mit 15 Jahren zog es ihn von Freiburg nach Dachsberg, wo er beim einzigen Schüler des bekannten Orgelbauers Carl Frei lernte. 1985 machte er sich selbstständig. 1993 kaufte er das leer stehende Gasthaus in Volgelsheim, später zog die Werkstatt in den geschichtsträchtigen Altbau, wo er heute mit Frau und Tochter lebt – und gelegentlich, wie zu alten Zeiten, ein Orchestrion im früheren Gastraum erklingen lässt.

www.drehorgelbau-gebert.de


Die Autorin

Christine Speckner ist freie Journalistin und lebt bei Freiburg.

www.christine-speckner.de

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