Werkstattbesuch beim Künstler und Möbelbauer Ralf Hülbig

Möbel für die Sinne

Filigrane Intarsien, ausgeklügelte Geheimmechanismen und fein von Hand polierte Oberflächen – unmittelbar kommen dem Betrachter die prachtvollen Möbel alter Meister wie Roentgen, Boulle oder Chippendale in den Sinn. Doch entstanden sind sie in der Werkstatt des Künstlers und Möbelbauers Ralf Hülbig.

BM-Redakteur Heinz Fink

Trutzig, fast ein wenig introvertiert steht er da an der Biegung der Dorfstraße. Ein klassischer Dreiseithof, wie sie in Mittelfranken oft zu finden sind: steile, in doppelter Lage mit Biberschwänzen gedeckte Dächer, ein zweistöckiges Wohnhaus mit feingliedrigen Sprossenfenstern, daran anschließend eine Scheune mit Remise und gegenüberliegend ein kleines Wirtschafts- und Stallgebäude. Dazwischen ein schmaler, mit Kopfsteinpflaster aus Granit belegter Innenhof, der zur Straße hin durch ein hohes, zweiflügeliges Tor gegen neugierige Blicke von außen geschützt ist.

Just an diesem Tor empfängt mich Hausherr Ralf Hülbig mit festem Handdruck und lädt ein, einzutreten in sein Château – wie Château ? Nach einem französischen Schloss sieht der in die Jahre gekommene Bauernhof eher nicht aus.

Doch kaum über die Türschwelle getreten, ist man in einer ganz anderen Welt: Holzfußböden aus kassettenförmig verlegtem Fichten- und Lärchenholz, Wände, teils aus freigelegtem Ziegelmauerwerk, teils verputzt und zart getüncht. Hohe, grünlich lasierte Sockelleisten fassen den Holzboden ein. Im selben Farbton behandelte, türhohe, innenliegende Fensterläden verschließen die Fenster von innen und lassen durch ihre schräg stellbaren Lamellen dennoch zarte Lichtstrahlen in den Raum fallen. Licht, das sich auf den glänzend polierten Oberflächen zahlreicher im Raum verteilter Möbel spiegelt – Möbel aus der Schloss-Werkstatt von Ralf Hülbig.

Lange währende Leidenschaft

Ausgebildeter Schreiner ist Ralf Hülbig nicht, ein tiefgehendes Interesse für Möbel hat er dennoch. Vielleicht ein unbewusstes Erbe, denn Großvater und Vater waren gelernte Schreiner – und obwohl er beide nie als aktiv arbeitende Schreiner erlebt hat, scheint ihn das geprägt zu haben. Sein Interesse für alte Möbel und die Lektüre eines Buches mit dem Titel „Bekenntnisse eines Antiquitäten-Fälschers“ brachten ihn zu einem Möbelrestaurator. Die Zeit in dessen Werkstatt gab ihm Einblick in die Konstruktion historischer Möbel und diente ihm als Vorpraktikum für sein Studium der Malerei an der Kunstakademie Nürnberg. In dieser Zeit entstanden auch die ersten Möbel für den eigenen Bedarf: Tisch, Bett, Schrank – gefertigt mit einfachen Handwerkzeugen in einem Zimmer seiner ersten eigenen Wohnung.

Sein Interesse an der Geschichte von Möbeln, vor allem solchen des 18. Jahrhunderts, der Hochzeit des Möbelbaus mit solch klangvollen Namen wie André-Charles Boulle oder Abraham und David Roentgen, ist die Inspiration für Ralf Hülbigs Möbel. Dabei sind seine Möbel nur oberflächlich betrachtet Nachbildungen, eher sind sie historische Zitate, die vom tiefen kunsthistorischen Verständnis und handwerklichen Interesse des Künstlers zeugen. Gleich ihren historischen Vorbildern, zieren auch sie flächige Intarsien, allerdings in abstrahierter Form, geschwungene Füße, deren Form eher kantig und zeitgemäß erscheint, tragen seine Möbel, und die Oberflächen sind mit Schellack poliert.

Am liebsten arbeitet Ralf Hülbig mit einheimischen Hölzern wie Kirsche, Nussbaum und Ahorn, aber auch Zwetschge. Seine Möbel und Oberflächengestaltungen leben von den starken Kontrasten zwischen den Hölzern. So nutzt er etwa oft Fernambuk, eine exotische Holzart, die er in größeren Mengen von einem befreundeten Geigenbogenbauer erhält – eine ganze Serie modern gestalteter Möbelobjekte ist aus massivem Fernambuk gefertigt. Es finden aber auch, neben anderen Exoten wie Palisander, solch ausgefallene Holzarten wie Essigbaum Verwendung in seinen Hirnholzmarketerien.

Feine Konstruktionen

Die Möbel von Ralf Hülbig sind mit klassischen Holzverbindungen wie Zinken oder Schlitz und Zapfen verbunden, Tischplatten werden nach alter Manier als Rahmenkonstruktion mit flächenbündigen Füllungen, oft in ungewöhnlicher Form und Fügung, hergestellt. Eine seiner Spezialitäten sind Geheimfächer: Mal lassen sich über einen in der Front eingelassenen Schieber kleine, federnd gelagerte Korpusse mit filigranen Schubkästen nach oben herausschieben, ein anderes Mal dreht sich ein kleiner Schubladenkorpus beim Öffnen des elliptisch geformten Deckels eines Beistelltisches sanft nach oben.

So schön die Möbel des eigenwilligen Künstlers und Möbelbauers als Einzelstücke auch anzusehen sind, vollendet zur Wirkung kommen sie erst im Zusammenspiel mit ihrer Umgebung – seinem Chateau, einem Gesamtkunstwerk aus Raum, Farbe und Materialien.

Beim Gang durch die Räume von Ralf Hülbigs persönlichem Château wird aber auch klar, hier ist ein kreativer Enthusiast am Schaffen, der Möbel herstellt, die wohl die meisten Schreiner mit ihren beiden Händen nicht zu Wege brächten. Ralf Hülbig schon, trotz seines Handicaps. Denn ihm fehlt seit einem Unfall mit 12 Jahren sein rechter Arm – eine Tatsache, die Ralf Hülbig selbst allerdings nicht für erwähnenswert hält.