Wie Pilze Hölzern das besondere Etwas geben. Lebende Farben - BM online

Wie Pilze Hölzern das besondere Etwas geben

Lebende Farben

Weißfäule, Pilzmycel, Grünspan … klingt unappetitlich? Wenn Pilze das Holz verfärben, war das bisher eher unerwünscht und wertmindernd. Heute aber werden Verfärbungen durch Pilzbefall zunehmend als eine attraktive Alternative zu den natürlichen Holzfarben und Texturen angesehen.

Hans Michaelsen

Pilzmodifizierte Hölzer werden heute im deutschsprachigen Raum meist als „Gestocktes Holz“ und im Englischen als „Spalted Wood“ bezeichnet. Darunter fallen jede Form von farblichen Veränderungen, Bleicheffekte und die markanten Grenzlinien, die alle durch Baumpilze hervorgerufen werden. Aufgrund der unterschiedlichen Art und Weise, in der die holzverfärbenden Pilze im Holzsubstrat zusammenwirken, kann man die Erscheinungsformen in drei Kategorien unterteilen: Weißfäule, Pilzgrenzlinien und Holzverfärbungen.

Schon in alten Zeit entdeckt und verwendet

Schon seit dem 15. Jahrhundert nutzten Holzhandwerker die durch unterschiedliche holzverfärbende Pilze in toten oder auch lebenden Laubhölzern verursachten vielfältigen Farbausbildungen und verschlungenen Muster von Pilzgrenzlinien als dekoratives Element, zum Beispiel zur Gestaltung ihrer Intarsienarbeiten. Frühzeitig entdeckten auch die Drechsler und Bildhauer das ästhetische Potenzial der bizarren Pilzgrenzlinien von gestocktem Ahorn- und Buchenholz für ihre gedrechselten Gefäße oder Skulpturen.

Dann allerdings gerieten die durch lebende Organismen hervorgerufenen Farb- und Strukturveränderungen im Holz wieder in Vergessenheit. Erst in den letzten Jahrzehnten kam es im Kunsthandwerk und Möbeldesign zu einer Wiederentdeckung dieser früher als Holzfehler angesehenen Anomalien. Das Material wurde bei Holzgestaltern begehrt. Denn eines ist wichtig: Dieser spezielle Pilzbefall beeinträchtigt im ersten Stadium nur unwesentlich die Festigkeit des Holzes und kann bei niedrigen Holzfeuchtewerten nicht mehr weiterwirken. Das Holz ist somit für eine Weiterverarbeitung geeignet.

Weißfäule: Zerstörtes Lignin

Weißfäule ist eine in Laubhölzern anzutreffende Farbveränderung mit den charakteristischen fleckigen Bleichzonen. Sie ist auf verschiedene Weißfäulepilze (z. B. Schmetterlingsporling, Zunderschwamm) zurückzuführen. Das Holz wird hierbei durch die Zerstörung des braunen Lignins zonenweise aufgehellt, es kann auch zu weißlichen, gesprenkelten Verfärbungen kommen. Die Holzsubstanz zeigt aber längere Zeit noch keine Veränderung des inneren Zusammenhangs und wird nur leichter, faseriger und stockig.

Pilzgrenzlinien: Lebendige Optik

Eingefasst werden die Bleichzonen der Weißfäule in der Regel von den sich herausbildenden braunen bis schwarzen Pilzgrenzlinien unterschiedlicher Breite, die durch Ablagerung pilzlicher Phenoloxidasen und Anhäufung von feststrukturiertem dunklem Pilzmyzel oder auch durch Oxidation von Nebenprodukten der abgebauten Zellwand entstehen. Die melaninhaltigen Linien mit ihren unterschiedlichen Farbausbildungen und ihrem unregelmäßigen, oft parallelen Verlauf verleihen dem Holz zusammen mit den hellen pilzbefallenen und dunklen nicht angegriffenen Partien ein geädertes und geflecktes Erscheinungsbild, das nach der Oberflächenbehandlung ein marmorartiges Aussehen erhält.

Blaugrüne Holzverfärbungen: spektakulär

Unter den Holzverfärbungen, die durch Pilze hervorgerufen werden, ist die spektakulärste ein leuchtendes Blaugrün. Auslöser dieser ungleichmäßig das Holz durchziehenden grünen Verfärbungen sind Pilze der Gattung Chlorociboria, die wegen ihrer giftgrünen becherartigen Fruchtkörperform auch als Grünspanbecherling bezeichnet werden. Der Pilz wächst auf am Boden liegendem, modrigem Laubholz, besonders oft auf Pappel-, Eichen-, Weiden- und Buchenholz. Der Fruchtkörper erhält seine Farbe durch den Farbstoff Xylindein, der sich auch im Myzel findet, sich im Umgebungssubstrat verbreitet und es sowohl außen als auch innen kräftig blaugrünlich verfärbt.

Chlorociboria-Holz mit seiner smaragdgrünen Farbe wird nur in kleineren Stücken im Wald gefunden. Designer machen daraus heute kleine Objekte, wie zum Beispiel Schmuck, indem sie das Holz mit Edelmetallen, exotischen Hölzern oder Elfenbein und Knochen kombinieren.

Das kennt man: Blaugraue Holzverfärbungen

Ein besonders häufig auftretendes Schadensbild durch Pilze ist die sogenannte Bläue, bei der es sich um eine zonenweise Verfärbung des Holzes handelt, die sich nicht auf die Stabilität auswirkt. Ursache für die blaugraue Farbausbildung ist eine Vielzahl von Bläuepilzen der Gattungen Ceratocystis und Ophiostoma, deren bräunliches Myzel hauptsächlich die lebenden Bereiche der Holzstrahlen besiedelt. Die blaue Erscheinung des Holzes kommt aufgrund des Durchschimmerns der durch Melanineinlagerungen dunkel gefärbten Hyphen der Bläuepilze zustande und ist daher ein durch Lichtbrechung hervorgerufener optischer Effekt.

Edel: Braune Holzverfärbungen

Eine weniger bekannte, fast veredelnde Verfärbung von hauptsächlich Eichenholz bewirkt der Leberpilz oder auch Ochsenzunge genannt. Das Befallsbild zeichnet sich anfangs durch unregelmäßig auftretende Holzverfärbungen aus, die bänder- oder zungenartig größere Bereiche des Kernholzes im unteren Stammteil dunkelbraun durchziehen. Später kann der ganze Stamm mit einem hellen rötlichen Braun gleichmäßig gefärbt sein. Besonders in England ist die durch Pilzbefall verfärbte Brauneiche geschätzt. Man schneidet sie zu Furnieren auf, die im Handel als Rarität hochpreisig offeriert werden.

Totholz lässt Pilzholz entstehen

Das klassische, durch diverse Weißfäulepilze entstandene „Gestockte Holz“ lässt sich in den heimischen Laubholzwäldern meist problemlos finden. Wo Äste abgebrochen sind, können Baumpilze eindringen und das Absterben des Baumes einleiten. Der heutige Trend bei der Waldbewirtschaftung, mehr Totholz in den Beständen zu belassen, schafft sozusagen eine Pilzholz-Produktion auf großer Fläche.

Zunehmend hat der Holzhandel das pilzgeschädigte Holz bereits als noch verwertbares Material entdeckt. Einige Firmen erzeugen sogar durch gezielten Pilzbefall Verfärbungen im Holz und bieten die strukturstarken, marmorähnlichen Massivhölzer und Furniere im Verkauf unter Namen wie „Trüffelbuche“ oder „Eisbuche“ an.

Selber machen?

Im Internet kursieren viele Anleitungen zur Do-it-yourself-Herstellung von gestocktem Holz. Das einfachste Verfahren beruht darauf, pilzbefallenes Holz aus dem Wald zusammen mit anderen Hölzern oder auch Rohlingen von Drechslerarbeiten in einem feuchtwarmen Milieu abgedeckt über einen längeren Zeitraum zu lagern, sodass die Pilze auch das gesunde Holz befallen und verfärben, wobei die Ergebnisse nicht vorhergesagt werden können und mehr zufällig sind.

Eine gezieltere Vorgehensweise ist das Infizieren von Hölzern mit im Labor gezüchteten Pilzkulturen. Die Rohlinge mit höheren Holzfeuchtewerten werden in abgedeckten Plastikcontainern geschichtet und vorher mit verschiedenen Arten von Holzpilzkulturen, die auf einem Substrat angesetzt wurden, infiziert. Unter kontrollierten Temperatur- und Luftfeuchtewerten entwickeln sich die Pilzkombinationen im Holz und führen zu den charakteristischen Verfärbungen und Demarkationslinien.

Verarbeitung pilzmodifizierter Hölzer

In der Gegenwart erfreut sich das charakteristische „gestockte Holz“ mit seinen dekorativen Mustern und resistenten Verfärbungen zunehmender Beliebtheit im Kunsthandwerk und dem Möbelbau. Es wird heute als Massivholz oder zu Furnieren aufgeschnitten verarbeitet. In letzter Zeit werden besonders Furniere mit den prägnanten grafischen Zeichnungen der Pilzdemarkationslinien und den Ausbleichungszonen der Weißfäule als dekoratives Gestaltungsmittel für die Fronten von Küchenmöbeln, Schrankwänden oder Vertäfelungen genutzt und damit Unikate geschaffen. Auch aus dem Massivholz fertigt man Mobiliar und Holzobjekte.

Im Edelholzhandel werden zudem Hybridhölzer mit attraktiven Pilzverfärbungen und Pilzgrenzlinien angeboten, die – zusätzlich mit eingefärbten Kunstharzen getränkt – in allen Farbtönen brillieren und zu beanspruchten Griffen aller Art oder zu Schreibutensilien verarbeitet werden können.

In den USA und Kanada wird das durch die Symbiose von Borkenkäfern und Bläuepilzen in großen Mengen anfallende Nadelholz unter dem Slogan „The wood that nature colors“ vermarktet und für rustikale Möbel, Täfelungen, Fußbodendielen und Parkettböden genutzt. Vereinzelt wird bläuegeschädigtes Nadelholz in Hirnholz- und Holzpflasterböden effektvoll verarbeitet. In OSB-Platten erzeugen die durch Bläue verfärbten Nadelholzspäne eine Holzoptik, die als dekoratives Element und Sichtoberfläche im Fußboden- oder Möbelbereich eingesetzt wird.

Die Holzsubstanz wird kaum angegriffen

Da die holzverfärbenden Pilze die Holzsubstanz nicht direkt oder kaum angreifen, ist eine Weiterverarbeitung von pilzmodifizierten Hölzern möglich und ganz im Sinne einer breiteren und nachhaltigen Nutzung der Ressourcen des Waldes. Die in der Natur entstandenen oder gezielt gesteuerten Verfärbungen durchziehen das gesamte Holz, sind sehr resistent gegenüber Umwelteinflüssen und werden heute als bewusstes Gestaltungsmittel eingesetzt.


Der Autor

Der Möbeltischler Hans Michaelsen arbeitete als Diplom-Restaurator in bedeutenden Museen. Er war Professor für Holzrestaurierung an den Hochschulen in Hildesheim und Potsdam.


Anbieter

Hier bekommen Sie gestocktes Holz oder Furnier

Dictum GmbH

94447 Plattling

www.dictum.com

Holzhandel Bernhard Gross e.K.

77709 Oberwolfach

www.holzhandel-gross.de

Mehling & Wiesmann GmbH

97816 Lohr am Main

www.mehling-wiesmann.de


Buch-Tipp

Der Autor dieses Beitrags Hans Michaelsen ist Mitautor des Buches „Spalted Wood – The History, Science and Art of a Unique Material“ (ISBN: 978-0764350382). Das englischsprachige Buch ist 2016 erschienen bei Schiffer Publishing Ltd. Die beiden anderen Autoren heißen Sara C. Robinson und Julia C. Robinson.

Das Werk gibt auf 288 Seiten und mit 870 Fotos einen umfassenden Überblick über die von Pilzen verursachten Holzverfärbungen. Dabei geht es um den geschichtlichen Zusammenhang, den wissenschaftlichen Hintergrund und die Anwendung.

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